Chile steht heute vor der Frage, ob es sich für eine gemäßigt konservative oder für eine sozialistisch-radikale Politik entscheiden soll. An sich könnte man sagen, daß diese Entscheidung eines abgelegenen, nur fünfeinhalb Millionen zählenden Volkes für die großen Entwicklungstendenzen der Welt gleichgültig sei und dem Lande selbst überlassen werden könnte. In einer Zeit jedoch, in der auf der ganzen Erde die Kräfte aufmarschieren, die auf die Dauer die Weltpolitik bestimmen wollen, und sie sich überall in schroffem Gegensatz gegenüberstehen, ist die Politik Chiles von einer Bedeutung, die weit über die Grenzen hinausreicht.

Die letzten Wahlen im März haben das übliche Bild ergeben: obwohl diesmal die Kommunisten ganz ausgeschaltet waren, die in früheren Parlamentswahlen rund ein Fünftel aller Stimmen auf sich zu vereinigen vermochten, hat weder die Rechte noch die Linke eine klare Mehrheit. Die Radikale Partei in der Mitte ist das Zünglein an der Waage. Der Gang der chilenischen Politik wird also dadurch bestimmt, ob die Radikale Partei sich nach rechts oder nach links wenden will.

Nun ist diese Partei so verschieden zusammengesetzt, daß ihr eine Entscheidung nicht leicht fällt. Sie entspricht in ihrem Programm und in ihrer soziologischen Bindung ziemlich genau den Radikalsozialisten in Frankreich. Sie wurde geschaffen im Gegensatz zu der klerikalen Einstellung der Konservativen, deswegen spielen in ihr die Freimaurer noch eine große Rolle, Zur Zeit ihrer Gründung war sie die Partei der reichen Bergwerksbesitzer im Norden des Landes und der kleineren und mittleren Grundbesitzer im Süden, die sich gegen den überragenden Einfluß der alten Großgrundbesitzer-Aristokratie in der Umgebung der Hauptstadt auflehnten. Weil die Radikalen damals die Opposition darstellten, stießen zu ihr die unteren Schichten in den großen Städten, die jedoch, inzwischen zu den sozialistischen Parteien abgewandert sind. Dafür hat die Radikale Partei den Mittelstand und die untere Beamtenschaft für sich gewonnen, sowie manche Intellektuelle, die sich für die fortschrittliche Haltung gegenüber der katholischen Kirche und in Schulfragen begeistern. Wie kann eine so verschieden zusammengesetzte Partei in wirtschaftlichen Fragen eine einheitliche Richtung verfolgen?

Nach ihrem eigenen Programm ist die Radikale Partei scharf links – im Sinnedes vergangenen Jahrhunderts – und dabei ausgesprechen bürgerlich. Sie hat dementsprechend einen linken und einen rechten Flügel, je nachdem, ob es sich um kulturelle und allgemein

politische oder um wirtschaftliche Tendenzen handelt. Zum Ausgang des vergangenen Jahrhunderts glaubte die Radikale Partei noch die große Massenpartei der Linken sein zu können. Diese Stellung hat sie längst an die sozialistischen Parteien abgeben müssen. Aber wo steht sie heute? Rechts oder links?

Im Jahre 1938 bildete sie mit den sozialistischen Parteien nach europäischem Muster die Volksfront, die den Präsidenten Aguirre Gerda, einen Radikalen, an die Macht trug. Als dieser zwei Jahre später vorzeitig starb, setzte sich der rechte Flügel durch und sein Exponent, Juan Antonio Rios, wurde Präsident. Auch er starb vorzeitig; und 1947 wurde wieder gewählt, diesmal siegte Gonzales Videla, der Führer der linken Richtung im Radikalismus.

Videla bildete seine erste Regierung zusammen mit den Kommunisten, von denen er zwei in das Kabinett aufnahm. Aber inzwischen hatte sich die große Weltpolitik gewandelt. Das Bündnis der Vereinigten Staaten mit der Sowjetunion war zerfallen und machte langsam dem „kalten Krieg“ Platz. Der Feind der nordamerikanischen Politik war nicht mehr der „Faschismus“, wie ziemlich wahllos alles genannt wurde, was politisch rechts stand. Die Zeiten waren vorbei, in denen der damalige Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Henry Wallace, durch die südamerikanischen Länder reiste, um das Jahrhundert des „einfachen Mannes“ zu verkünden und soziale Verbesserungen zu versprechen, wenn erst einmal der Faschismus in Europa niedergeworfen sei. Damals hatten die großen nordamerikanischen Kapitalinteressen in Chile geschwiegen, obwohl ihre Kupferwerke von rein kommunistischen Streiks heimgesucht wurden. Sie haben nur dafür gesorgt, daß hinter den Kulissen die Vollmachten von Wallace eingeschränkt und sein Amt dem State Department unterstellt wurde.

Im Jahre 1947 jedoch waren sie nicht gewillt, die mächtig aufflammende kommunistische Streikwelle hinzunehmen. Der nordamerikanische Einfluß in Chile ist heute größer denn je. Die beiden Säulen der chilenischen Wirtschaft, die im Durchschnitt 80 v. H. der Ausfuhr stellen, Kupfer und Salpeter, sind fast ganz in Händen nordamrikabischen Kapitalisten. Nur die Arbeitslöhne und die Steuern verbleiben im Lande; im übrigen fließen die Devisenerlöse nach Nordamerika.