Kissingen, im Juni

Im reichgetäfelten Konzertsaal des schönen Regentenbaues zu Bad Kissingen gaben zwei Tage lang die internationalen Koryphäen des Gesellschaftstanzes im original englischen Stil, Mr. Alex Moore und seine charmante Gattin aus Kingston (England), der Elite der deutschen Tanzlehrerschaft aus allen vier Besatzungszonen und Fachleuten aus Österreich und der Schweiz Unterricht. Es war nach zehn Jahren das erste Wiedersehen der englischen Standardschrittformen – Slowfox, Quickstep, Tango und Valse –. In den letzten Jahren hatten für die Information englische Lehrbriefe genügen müssen. Nun wurden die verschiedenen Auffassungen und Auslegungen revidiert. Immer noch ist jedoch das Einfachste und dennoch Schwerste die Natürlichkeit der Bewegung.

Im Mittelpunkt des nach zehnjähriger Unterbrechung wieder am alten Tagungsort in der heiter beschwingten Atmosphäre der nordbayrischen Kurstadt durch die „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tanzlehrerverbände“ einberufenen Fachkongresses stand das von dem Hamburger Tanzlehrer Max Wendt mit Noblesse und Humor geleitete Turnier von elf Tanzlehrerpaaren um die „Deutsche Berufsmeisterschaft 1949“. Das Publikum folgte dem edlen, aber erbitterten Wettstreit der deutschen Professionals mit begeisterter Anteilnahme. Die „offene“ Turnierwertung, in der die Punktrichter Alex Moore, Egon Bier (Wiesbaden) und der Deutsche Meister von 1937 und Europameister Bruno von Kayser (Düsseldorf) nach jedem Tanz große weiße Schilder mit den jeweiligen Bewertungen erhoben, hielt der englische Tanzmeister Alex Moore scherzhaft gelegentlich auch bei internationalen politischen „Turnieren“ für ganz nützlich. Den Ehrentitel „Deutscher Meister im Gesellschaftstanz“ erwarb sich das Hamburger Paar Ursula und Herbert Heinrici durch seine besondere elegante und ruhige Note.

Nur selten sind vollendete Pädagogen auch vollendete Interpreten. Die traumhafte Gelöstheit und Bewegungsanmut, die starke Konzentration tänzerisch-musikalischen Gleichklanges, des englischen Paares Alex Moore und Miß Pat Kilpatrick wurde besonders bewundert auf diesem tanzenden Kongreß.

Für die kleinen Tanzflächen der deutschen Raumenge sind die modernen Tänze wie geschaffen, die das Wiesbadener Tanzlehrerpaar Egon Bier unterrichtete: argentinischer Tango, Rumba (in neuer Originalfassung), Samba und Jitterbug. Viele Tanzlehrer aus der britischen Zone betrachteten allerdings die beiden letzten Arten bereits mit einiger Skepsis, da nach ihren Erfahrungen die Nachfrage nach diesen ausgelassenen Formen nachzulassen beginne und die Zeit für eine wünschenswerte größere Kultur auf den Tanzflächen heraufzudämmern scheint.

Aber es wurde nicht nur getanzt, man unterhielt sich auch über Anstandsregeln und Umgangsformen. Die Bremer Tanzlehrerin Emmy Schipfer-Donat betonte die Wichtigkeit neuer Formen gesellschaftlichen Erziehung der Jugend. Mit Fassadenbegriffen etwa Kniggescher Herkunft kann man heute nicht mehr viel ausrichten bei der heutigen Hilfslosigkeit in gesellchaftlichen Umgangsformen. Die modernisierten Anstandsregeln müßten zeitentsprechende Formen des menschlichen Zueinander entwickeln und vor allem den Sinn für Hilfsbereitschaft wecken. Hanns Meseke