Nachdem das drängende Bedürfnis, sich von dem noch immer lastenden Grauen der KZ-Hölle zu befreien, nach 1945 sich in einer Flut von Büchern und Berichten geltend gemacht hatte, erschien als erstes Buch über den Hitler-Krieg Pliviers tragischer Bericht über Stalingrad. Doch Publikationen der Besiegten über ihr Erleben in dem soeben beendeten Massenmord, aus dem die Sieger als Helden, die Geschlagenen als Mitschuldige eines großen Verbrechers hervorgingen, waren bisher aus verschiedenen Gründen nicht erschienen.

Um so mehr verdient der kürzlich erschienene große Roman von Hans Werner Richter „Die Geschlagenen“ (Verlag Kurt Desch) hervorgehoben zu werden. Neben vielen anderen Gründen, die das verlangen, ist der wichtigste der, daß „Die Geschlagenen“ die Propagandalegende bekämpfen, wonach alle deutschen Soldaten eingeschworene, überzeugte Nationalsozialisten gewesen sein sollen. Unter den Auswirkungen dieser unsinnigen Legende haben die deutschen Kriegsgefangenen in allen Ländern schwer zu leiden gehabt.

Mit seinem im Reportagestil gehaltenen Roman hat sich H. W. Richter zum Sprecher der Landser gemacht, in deren Sprache dieses ungewöhnlich echte und lebendige Buch den Obergefreiten Gühler und seine Kameraden in Italien und in der Gefangenschaft in Amerika zeigt. Dem aus der Hölle von Monte Cassino entronnenen Landser Gühler tritt der Dolmetscher mit der Frage entgegen, warum er sich, wenn er doch gegen Hitler gewesen sei, nicht gewehrt habe, Soldat zu werden. – „Ein Toter kann sich nicht widersetzen“, antwortet Gühler. Der amerikanische Hauptmann greift sich diesen Soldaten heraus und will von ihm Angaben über die deutschen Stellungen, die er ihm doch geben möge, da er als Antinazi den Sieg der Alliierten anstreben müsse. Nachdem der Landser zwar bejaht hat, daß er Hitlers Niederlage wünsche, fragt der Amerikaner: „Nun und?“ – „Das ist eine innerpolitische Sache.“ – „Sicher“, sagte der Hauptmann, „sicher, aber der Sieg Amerikas wird auch Ihr Sieg sein.“ – „Vielleicht.. vielleicht wird es Sieg und Niederlage zur gleichen Zeit sein.“ – „Für Sie?“ – „Für alle Gegner des Nationalsozialismus in Deutschland.“ – „Und warum sagen Sie mir nicht die Wahrheit?“ (Nämlich über die Stellungen) – „Weil ich ein Gegner der Nazis, aber kein Verräter in Ihrem Sinne bin.“ – „In meinem Sinne?“ – „Im Sinne einer militärischen, nicht aber einer politischen Auffassung.“

Seit langem hat es kein Buch mehr gegeben, das so nach einer Fortsetzung schreit wie dieses. Wie wird es weitergehen? Wie werden diese Männer die Probleme in der Heimat meistern, wie die Enttäuschungen und neuen Leiden tragen? Wie gehen „die Geschlagenen“ in das neue Leben? . „...jeder Deutsche sollte dieses beispiellos wahrhafte und unbarmherzige Buch lesen ..., es überwältigt, ohne zu überreden, es erschüttert, ohne zu übertreiben .. Dieser Satz von Stefan Zweig über das Buch von E. M. Remarquc im Jahre 1928 gilt auch für „Die Geschlagenen“ von 1949. Gottfried Beutel

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Enid Starkie: Das trunkene Schiff (Hans von Hugo Verlag, Hamburg). Es gibt wohl kaum eine so umfassende und vorurteilsfreie Lebensdarstellung des französischen Dichters Jean Arthur Rimbaud wie die von dem Engländer Enid Starkie geschriebene. Unter dem Titel eines Jugendwerkes Rimbauds, der mit 18 Jahren das Dichten aufgab und zu vagabundieren begann, liegt sie nun, 341 Seiten stark, in der sprachlich vorzüglichen deutschen Übersetzung von Hans B. Wagenseil vor. Was die Schulfreunde, die Zechkumpane, die nur Bekannten über Rimbaud bekunden, was der viele Jahre mit ihm befreundete Paul Verlaine von ihm erzählt und was von den „Parnassiens“, der Gilde der dem jungen Dichter nicht wohlwollenden Pariser Literaten über ihn überliefert ist, trägt nur Einzelzüge. Starkie sammelte und vereinte sie in gründlicher Arbeit zu einem Buche, das man erschüttert und mit dem Vertrauen liest, nicht durch eine schönfärbende Heroisierung des Dichters getäuscht zu werden. A. Nowakowski.

Wilhelm Scharrelmann: Die schöne Akelei, Märchen aus meiner Hütte. Der Bertelsmann-Verlag legt nach dem Bekenntnis-Roman „Die Hütte unter den Sternen“ den zweiten, neuen Band des Gesamtwerkes Wilhelm Scharrelmanns vor. Er ist – auf den ersten Blick gesehen – eine Sammlung einfacher Märchen: Fuchs und Katze, der alte Holzschuh, Traumvogel, Nikolaus und die Fülle der Gestalten und Dinge, die in der Moorlandschaft ihr Wesen treiben, geben sich ein Stelldichein. Doch ihre Herzlichkeit und die gedankliche Hintergründigkeit, ihre Symbolkraft und die lyrisch ausdrucksstarke Schönheit verleihen ihnen einen besonderen Reiz. Mit dem naiven Realismus der Umwelt und den fast schelmisch aufblitzenden Weisheiten, die nur das Alter kennt, gingen sie eine glückliche literarische Ehe ein. Ein Buch, das viele Freunde erwerben wird. Kurt Reuter.