C. Saarbrücken, Im Juni

Auch das Saarland hat seine Sorgen. In Reden und Veröffentlichungen führender saarländischer Persönlichkeiten kamen sie in jüngster Zeit wiederholt zum Ausdruck. Das deutet auf Fortschritte in der Möglichkeit hin, eigene Meinungen und eigene Interessen etwas nachhaltiger als zuvor zu vertreten. Die vorsichtig-kritische Betrachtungsweise ist aber auch ein Maßstab für die Größe der Probleme, die die Saarwirtschaft bedrücken.

Für ihre Diskussion hat man in Saarbrücken einen eigenen Stil geschaffen. Vertreter der Saarregierung und der Saarwirtschaft pflegen ihre Besorgnisse über die Entwicklung stets mit Zahlen zu garnieren, die den Fortschritt in den verschiedensten Bereichen der Produktion demonstrativ bekunden. Im vergangenen Jahr, so verkünden sie, hat sich die Förderung der Saargruben um über 10 v. H. erhöht, und bei einer Monatsförderung mit zuletzt über 1,1 Mill. t hat die Saarförderung den Vorkriegsstand fast erreicht. Mit den Zahlen der für die Saar ebenso typischen Eisen- und Stahlerzeugung können die Repräsentanten des wirtschaftlichen Anschlusses allerdings noch keine Effekte erzielen. Eine Verdoppelung der Zement- und der Kalkerzeugung, ein weiteres Ansteigen der Erzeugung vor allem von Hohlglas, ein allseitiger Aufstieg in der eisen- und metallverarbeitenden Industrie im Laufe des vergangenen Jahres sind die weitere Mosaiksteinchen, aus denen man das Bild eines fortschreitenden Wiederaufbaues zusammensetzen will.

Sind damit aber die Hoffnungen erfüllt, mit denen die Saarwirtschaft dem wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich entgegensah? Seit langem schleichen ernste Besorgnisse durch viele Bürostuben des Saarlandes. Absatzschwierigkeiten zeichnen sich ab. Die geringsten Sorgen dieser Art hat der Kohlenbergbau. Unter Berufung auf die stark gestiegenen Förderkosten – der Saarkohlenbergbau muß heute 62 000 Arbeiter und Angestellte einsetzen, um die in der Vorkriegszeit mit 48 500 Arbeitern und Angestellten erzielte Förderleistung zu erreichen – hat die Saargrubenverwaltung die Kohlenpreise auch für die eisenschaffende Industrie der Saar stark erhöht. Zur Zeit hat es die Saargrubenverwaltung noch nicht notwendig, sich um ausfallende Lieferanten ernste Sorgen zu machen.

Seit Anfang des vergangenen Jahres zieht Frankreich die zum Versand kommende Saarkohle in wachsenden Mengen an sich. Die für die französische Zone und die Doppelzone Vorgesehenen Mengen schrumpfen zusammen. Erhöhte Preisforderungen der unter französischer Leitung stehenden Verwaltung der Saargruben fördern diesen Prozeß. In Zugeinschränkungen in der französischen Zone schlug er sich sichtbar nieder. Heute ist das französische Interesse an Saarkohlen noch groß. Projekte der Saargrubenverwaltung, durch Rationalisierung und Erschließung neuer Kohlenfelder die Förderungen auf 17 bis 18 Mill. t jährlich zu steigern, gehen darauf zurück.

Werden die Saargruben aber für eine solche um 25 bis 30 v. H. gegenüber dem heutigen Stand erhöhte Förderung auch auf weite Sicht die Erforderlichen Abnehmer finden? Selbst in der Völkerbundszeit mußte die Saarkohle nach Überwindung der allgemeinen Kohlennot ihre Abnehmer suchen. Von einer Förderung in Höhe von 11,4 Mill t (1934) nahm das Saargebiet 5,3 auf, 4,27 Mill. t nahmen den Weg nach Frankreich, 1,03 Mill. den Weg ins Reich. Nur knapp 7 v. H. fanden im übrigen Ausland Absatz. Angesichts der bereits fühlbar werdenden Konkurrenz der englischen und polnischen Kohle auf dem europäischen Markt bedrücken die Erfahrungen der Vergangenheit schon heute die in die Zukunft schauenden Männer der Saarregierung und der Saarwirtschaft. Die geplante Verdreifachung der Förderleistungen des lothringischen Kohlenbergbaues und die Steigerung der Ruhrkohlenerzeugung erhöhen diese Sorgen. Auch um den Absatz der Eisen- und Stahlerzeugung, die trotz ständigen Wachstums um 40 v. H. hinter dem Stand von 1938 zurückbleibt, macht man sich in Saarbrücken ernste Gedanken.

Auf dem als Abnehmer immer noch wichtigen süddeutschen Markt ist man auf die Dauer nicht in der Lage, Preise für Eisen und Stahl von der Saar zu bezahlen, die bis zu 50 v. H. über den deutschen Inlandpreisen liegen. Wachsende Lagerbestände aus nicht abgenommenen Lieferungen sind zunächst die Folgen. Auch die Saarhütten sehen sich vor die Forderung gestellt, durch Rationalisierung Unkosten und Preise zu senken, um auf dem süddeutschen Markt, der im Jahre 1934 über 61 v. H. des saarländischen Roheisens aufnahm, Abnehmer zu finden. Hier droht die Saarwirtschaft ebenfalls in eine Sackgasse zu geraten.

Kapital und Kredite fehlen. Dafür zeichnen aus Kreisen der französischen Eisenindustrie sich Pläne am Horizont ab, die saarländische Jahresstahlproduktion auf 1,8 Mill. t (also auf 207. H. unter dem Vorkriegsstand) zu beschränken. Im Zusammenhang mit dem Ausbau der französischen Stahlindustrie sind solche Gedanken höchst gefährlich. Sie lassen sich nicht mit dem Hinweis auf jene 400 deutschen Betriebe beiseite schicken, die sich in den letzten Jahren auf der Flucht vor Demontagen und aus Spekulationen an der Saar niedergelassen haben. Auch der auf diese Weise verbreiterte Gürtel der weiterverarbeitenden Industrie leidet schon jetzt unter Produktionskosten, die 20 bis 25 v. H. über den deutschen liegen, Absatzsorgen und Kapitalmangel heben sich so als die tragenden Probleme an der Saar ab. Sie sind ein Reif auf die Blütenträume, mit denen weite Kreise dem wirtschaftlichen Anschluß entgegensahen.