Dorothy Thompson kam nach Deutschland. Die Gründerin der „Weltorganisation der Mütter aller Nationen“ (WOMAN), die Verfasserin des Buches „I saw Hitler“, eine Frau, die vielen als die bedeutendste Journalistin der Vereinigten Staaten gilt. Doch diese äußeren Erfolge sind nur ein kleiner Teil ihrer selbst. Sie kam, und ihr Besuch schuf auch jene Atmosphäre von Güte und Wärme, die in der Politik der Freundschaft ebenso selten geworden wie notwendig ist.

Dorothy Thompson verkörpert einen neuen Typ der politischen Frau. Sie besitzt nicht allein Würde, Charme und Unerschrockenheit. Sie ist eine zutiefst mütterliche Frau. „Sie, meine Herren“, so warnte sie schon 1946 in einem offenen Brief den Sicherheitsrat, „baten uns, Ihnen unsere Söhne, unsere Kinder zu geben, um die Welt zu retten. Wir haben Ihnen unsere Söhne gegeben. Einige sind tot, einige sind blind, und manche gehen ohne Füße, arbeiten ohne Hände – und jeder von ihnen war uns kostbarer als die ganze Welt, zu deren Rettung wir sie Ihnen gaben ... Wir, die wir Mütter sind, kennen keine ,feindlichen‘ Kinder ... Wir sind die größte Internationale der Welt. Wir sprechen die gleiche Sprache von Tschungking bis Moskau und von New York bis Berlin ... Meine Herren, ich warne Sie!“

Wer einmal Dorothy Thompson gelesen hat, versteht Lord Vansittart: „Die Welt steht tief in ihrer Schuld.“ Wer einmal Dorothy Thompson erlebt hat, versteht John Gunter: „Sie ist ein blauäugiger Tornado.“ Die heute 54jährige ist es ihr Leben lang gewesen. Als Kind des kleinen Methodistenpfarrhauses in New York und als Studentin, als Deutschlandkorrespondentin bis zu ihrer Ausweisung durch Hitler, als „bester Anwalt Roosevelts“ und im Privatleben. Dreimal hat sie geheiratet. Ihr zweiter Mann war Sinclair. Lewis, der Verfasser der „Babbitt“. Als er in seinem bekanntesten Roman Mrs. George F. Babbitt beschrieb – „Niemand mit Ausnahme ihrer zehnjährigen Tinka nahm das geringste Interesse an ihr oder war sich eigentlich ihrer Existenz bewußt“ –, da hatte er es leicht. Er brauchte nur das direkte Gegenstück der Frau an seiner Seite zu zeichnen. Was Dorothy Thompson denkt, das ist nicht nur für ihren zehnjährigen Michael von Interesse –: Das tippen drei Sekretärinnen, drucken 180 amerikanische Zeitungen, hören zehn Millionen Rundfunkhörer.

Das Geheimnis dieser selbst für amerikanische Verhältnisse ungewöhnlichen Wirkung liegt in der gläsernen Klarheit ihrer Gedanken und in der Großmut ihres Herzens. Wenn sie den Amerikanern folgendermaßen den griechischen Bürgerkrieg veranschaulicht: „Nehmen wir einmal an, wir hätten in unserem Land 600 000 Gangster, die straff organisiert und unter einem einheitlichen Oberbefehl über alle Staaten verteilt wären“, dann weiß jeder, was gemeint ist. Und wenn bei ihr, wie jetzt in Hamburg, ein leiser Vorwurf anklingt, als sie über die Aufnahme der Flüchtlinge in Deutschland spricht, dann fühlt man sich zu Recht gerügt, weil es der Vorwurf eines großempfindenden Menschen ist.

Tun wir Positives – meinte einmal ein Amerikaner –, kommt Positives dabei heraus. Dorothy Thompson ist ein schlagender Beweis mehr für diese Behauptung. „Peace is the absence of anxiety“, sagte sie bei ihrer Ankunft in Hamburg. Und einen Tag später: „Ich glaube an die Macht der Liebe.“ C.J.