In Finnland hat die sozialdemokratische Minderheitsregierung des Ministerpräsidenten Fagerholm erneut eine ernste Krise überstanden. Die bürgerliche Opposition hatte anläßlich eines vom Kabinett beantragten Zusatzbudgets in Höhe von 4 Milliarden Finnmark sich gegen die wirtschaftliche und soziale Politik Fagerholms erklärt. Dieser jedoch packte sofort den Stier bei den Hörnern und forderte seinerseits vom Reichstag ein Vertrauensvotum für seine bisherige Wirtschaftspolitik. Nach einer 24stündigen Debatte setzte er seinen Standpunkt mit 94 gegenüber 92 Stimmen durch. So ist anzunehmen, daß sich nunmehr die sozialdemokratische Regierung Finnlands bis zum Februar 1950 halten wird. Dann sollen Präsidentenwahlen stattfinden.

Die Stärke der jetzigen Regierung liegt darin, daß sie sich von Anfang an energisch geweigert hat, mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten. Diese Politik ließ sich jedoch nur mit Hilfe der bürgerlichen Stimmen durchführen. Seit dem Frühjahr nun stellte man im Lager der drei bürgerlichen Parteien Überlegungen an, ob es nicht möglich sei, eine Koalitionsregierung ohne die Sozialdemokraten zu bilden. Die Kommunisten beobachteten diese Bestrebungen aufmerksam, ohne aber ihre früheren Wünsche, an einer neuen Regierung beteiligt zu werden, anzumelden. Ihre Absichten waren leicht zu durchschauen. Die bürgerlichen Parteien sollten Fagerholm aus dem Sattel heben, und die Kommunisten wollten dann zusammen mit den Sozialdemokraten in die Opposition gehen. Für sich rechneten sie dabei auf einengroßen Propagandaerfolg innerhalb der 320 000 Mitglieder umfassenden Gewerkschaften, in denen bisher die Sozialdemokraten die Oberhand haben. So stimmten denn die Kommunisten jetzt gegen Fagerholm, obgleich sie sich dabei automatisch mit den Wünschen der Rechtsbürgerlichen solidarisch erklären, die auf eine Kürzung der Arbeitslöhne hinausliefen ...

Aber nicht nur die Angst vor einem wachsenden Einfluß der Kommunisten hemmte die Oppositionin der letzten Reichstagsschlacht so sehr, daß beispielsweise die Sammlungspartei, einst lautester Rufer im Streit gegen Fagerholm, im Laufe, der Debatte völlig umschwenkte und schließlich für ihn stimmte. Ebensoviel trug sicherlich die Einsicht bei, daß eine bürgerliche Regierung heute keine bessere Wirtschaftspolitik treiben könnte als die, die Fagerholm vertritt. Der Ministerpräsident ist in den breiten Schichten Finnlands sehr populär, das Kabinett genießt beim Volk großes Vertrauen. Seit dem Herbst vorigen Jahres, also während seiner Regierungsperiode, ist ein sichtbarer Wandel der allgemeinen Lebensverhältnisse zum Besseren in Finnland eingetreten. Für nur 39 000 Arbeitslose muß der Staat sorgen. In allen anderen Schichten wird so reichlich Geld verdient, daß die Bevölkerung in der Lage ist, die fast friedensmäßig feilgebotenen Waren auch zu kaufen. Die schwerste Aufgabe des Wiederaufbaus, die Ansiedlung von 350 000 aus Karelien vertriebenen Finnen, ist gelöst worden. Ihnen sind 1,7 Millionen Hektar Boden zur Verfügung gestellt worden. Darüber hinaus ist Finnland die einzige besiegte Nation, die mit der Bezahlung ihrer Kriegsschuldennicht in Verzug geraten ist. Wenn alles so weiterverläuft, hat sie 1952 keine Reparationen mehr zu leisten.

So besteht kaum ein Zweifel darüber – und, wie die Reichstagssitzung zeigte, letzten Endes auch bei der bürgerlichen Opposition nicht –, daß Finnland Vorerst am günstigsten fährt, wenn es das Kabinett behält, dessen Amtsperiode für das Land die ruhigste seit 1944 gewesen ist. Die Regierung Fagerholm sitzt also fester im Sattel, als es durch das Abstimmungsergebnis zum Ausdruck kommt, und auf parlamentarische Art und Weise wird sie vorerst gewiß nicht aus diesem Sattel gehoben werden. Doch das heißt nicht, daß ihr keine Gefahren drohten. Noch ist der innere Kampf mit den Jüngern Moskaus nicht zu Ende; er wirft nach wie vor seine dunklen Schatten über das sonst sorgenfreie Dasein Finnlands im Norden Europas.

Gustav Meißner