Von Jan Molitor

Die "Viking" ist ein schönes Beispiel für Reedukation, vorgenommen von den Englindern an ihrem eigenen Material: Der Kriegsadler wurde Friedenstaube, der Wellingtonlomber wurde Passagierflugzeug. Wo einst die Bombenschächte waren, sind bequeme Sitze angebracht: man lehnt den Kopf in weiche Kissen, gräbt die Ellbogen in sanft gepolsterte Armlehnen. Die Umerziehung ging so weit, daß dem Flugzeug sogar das übermäßige Lärmen abgewöhnt wurde. Obwohl es zwei Motoren hat, cröhnt das Gebraus drinnen in der Kabine nicht so laut, daß man sich brüllend unterhalten müßte. Man versteht sehr gut, was der Steward sagt: "Tee oder Kaffee, bitte?"

Was kann unsereiner machen? Er ist frühmorgens zum Hamburger Flugplatz Fuhlsbüttel gefahren. Er hat das jedem normalen Deutschen jetzt erreichbare Ticket in der Tasche; er ist ins Flugzeug eingestiegen; auch die Besatzung der British European Airways die den Passagierdienst zwischen Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, München eingerichtet hat, ist an Bord gegangen. Man "flachst" ein bißchen, während man sich dumm stellt und ein paar freudenvolle Vorte darüber äußert, daß man endlich einmal Gelegenheit habe, "mit einem zweipropellerigen /eroplan zu fahren". (Jedes Wort ein Verbrecher an der ehemaligen deutschen Fliegersprache.) Man wartet auf den Augenblick, da die Maschine vom Boden abhebt –: Diesen Hunderte von Malen erlebten, immer wieder genossenen Moment, in dem man Befreiung spürt, körperliches und seelisches Leichterwerden, mit einem Wort: Freiheit. Wieso kommt unsereinem ein solches Gefühl plötzlich absonderlich vor? Ach ja, man ist kein normaler Luftreisender. Man ist zu diesem Flug eingeladen worden; so braucht man die Kosten nicht zu zahlen, die ein normaler Deutscher nicht leicht aufbringen kann: 110 DM bis Frankfurt am Main, 54 DM von Frankfurt nach Düsseldorf, 94 DM von Düsseldorf nach Hamburg. Das sind zusammen 258 DM. Gut, so wollen wir an diesem Tage rasch einmal das Gehalt, das einem kleinen Angestellten nach dem Steuerabzug übrigbleibt, verfliegen! Immerhin, für unsereinen, der kein Kaufmann ist und kein Mitglied des Frankfurter Wirtschaftsrates, ist alles dies nicht normal. Wer es eilig hat (anderthalb Stunden bis Frankfurt, drei Viertelstunden für die Strecke Frankfurt–Düsseldorf und achtzig Minuten Flugzeit von Düsseldorf nach Hamburg), der muß diesen Luftweg der British European Airways benutzen. Wer den Flugpreis als Geschäftsunkosten verbuchen kann, der sollte auch nicht zögern. (Und höfliche Gäste, die wir sind, dürfen wir nicht einmal sagen, daß der Preis, der früher etwa so hoch war wie die Kosten einer Zweite-Klasse-Eisenbahnfahrt plus Schlafwagenkosten, viel zu teuer sei.) Allerdings, unsereiner hat auch früher die weitaus größte Zahl der Flüge kostenlos gemacht. Er mußte es damit bezahlen, daß andere vom Boden aus auf ihn schossen oder wiederum andere, die sich, wie er, in der Luft befanden. Mancher mußte seine vielen Freiflüge noch teuer bezahlen... Denkt man einmal daran nicht mehr, wenn man in einem Flugzeug sitzt, erst dann wird man ein normaler Fluggast sein ...

Man könnte den Blick auf die Erde beschreiben. Grüne Flecke (Wälder), rechtwinklige Areale (Felder), rote oder graue Pilze (Dörfer). Man könnte auch die Wolken beschreiben. (Sie sind wunderbar, wenn das Flugzeug darüber hinwegzieht: oben leuchtender Sonnenglanz, unten ein wolliges, schneeweißes, liebes Gewoge.) Man könnte vieles beschreiben, was zu jedem Flug gehört. Wozu! Aber das hatten wir früher nicht, daß einem ein freundlicher Steward auf die Schultern tippte und servierte: von Hamburg nach Frankfurt Kaffee, Berliner Ballen, zwei Sandwiches, eine Pastete; von Frankfurt nach Düsseldorf Braten, Schinken, zweierlei Salate, Käse, Brot und Butter; von Düsseldorf nach Hamburg Torte, Gebäck, Tee. (Alles im Flugpreis auch für die einbegriffen, die ihn zahlen.)

Die Engländer betreiben diese Linie in Westdeutschland, die Engländer stellen die Flugzeuge (Reisegeschwindigkeit: rund 350 Kilometer), sie stellen auch die Besatzung – wunderbare Flieger, ohne Zweifel, die sich auf geraden Kurs und "butterweiche" Landungen verstehen, und auch der englische Steward war ein Muster an Höflichkeit, flink, korrekt.

Nach der Landung in Hamburg sah unsereiner noch einmal den einstigen Wellington-Bomber an. Tatsächlich eine Friedenstaube mit Komfort.