Wir haben Waffenstillstand, seit vier Jahren. Die Waffen stehen still. In ihrem Schatten nahmen – in diesem Zwielicht oftmals sonderlich erscheinend – Recht und Politik anstatt des Krieges Platz. Doch ohne Frieden blieb die Welt. Und ohne Frieden blieb vor allem jeder einzelne von denen für die noch immer das Gesetz des Krieges gilt: die Kriegsgefangenen.

Es gibt sie noch. Es gibt sie immer noch. Und sie sind nach Hunderttausenden zu zählen. Wem jedoch in dieser Zeit des statistisch belegten Grauens die Zahl „eine halbe Million“ nichts besagt, der möge sich vorstellen, daß man mit ihnen eine Stadt besiedeln könnte. Eine Großstadt. Statt dessen leben sie in den Steppen Sibiriens, leben sie in den Uranbergwerken der Tschechoslowakei, in den Lagern Polens, Jugoslawiens und Albaniens, leben als „Strafgefangene“ in Frankreich, Belgien und Holland und als „Internierte“ in Spanien. Leben sie? Sie vegetieren, denn wo die Freiheit fehlt, da stirbt das Leben. Sie sind die Nachhut einer untergegangenen Armee, und erhalten sie die Freiheit nicht bald zurück, werden auch sie zugrunde gehen, weil hinter Stacheldraht der stärkste Geist, der kräftigste Körper eines Tages elendiglich zerbrechen muß.

Das Recht auf deutsche Kriegsgefangene haben die Siegermächte nach Menschlichkeit und Völkerrecht längst verwirkt. Wo aber das Recht aufhört, fängt das Verbrechen an. Das Versprechen Molotows, daß die Entlassungen aus der UdSSR bis Ende 1948 abgeschlossen sein sollten, ist gebrochen worden. In der Sowjetunion befinden sich noch mindestens 250 000 deutsche Kriegsgefangene – wenn man den Molotowschen Zahlen der Außenministerkonferenz im März 1947 Glauben schenken will. Allein das Politbüro könnte heute dieser Unmenschlichkeit abhelfen; allein verantwortlich für sie ist es leider nicht.

Der Westen hat sich hier mitschuldig gemacht. So schuldig, wie jemand wird, der einem Unrecht seine Zustimmung gibt. Die Abkommen von Jalta und Potsdam, die den deutschen Menschen deutscher Ware gleichstellen, indem sie Reparationen in Form von Arbeitsleistungen deutscher Kriegsgefangener billigten, tragen nicht nur die Unterschrift der Sowjets. Darüber hinaus werden noch heute Deutsche wegen angeblicher Kriegsverbrechen nach Westen und Osten ausgeliefert, und erst die Übernahme deutscher Kriegsgefangener als „freiwillige Zivilarbeiter in Frankreich, Belgien und Großbritannien gab der Sowjetunion einen Vorwand, die 150 000 verschleppten deutschen Frauen, wenn auch mit ungleich härteren Methoden, in ein gleiches „Dienstverhältnis“ zu übernehmen, vermutlich bis an ihr Lebensende.

Auf der Pariser Außenministerkonferenz ist kein Wort über die deutschen Kriegsgefangenen gefallen, obwohl seit dem 4. Juni der sowjetische Bescheid vorlag, daß die Sowjetunion entgegen den westlichen Vorschlägen vom 15. März eine weitere Erörterung der deutschen Kriegsgefangenenfrage ablehne. Erst als das negative Ergebnis der Konferenz feststand, wurde diese sowjetische Note, vierzehn Tage nach ihrem Eingang, in Paris, London und Washington veröffentlicht. Was wäre geschehen, wenn die Konferenz eine grundsätzliche Einigung gebracht hätte? Was soll die nun zur Schau getragene Entrüstung in den westlichen Hauptstädten? Wir haben kein Verständnis für den Mißbrauch unserer Kriegsgefangenen für politische Zwecke. Sie haben Frauen, Mütter und Väter, Söhne, Töchter und Geschwister. Daran sollte man auch auf der anderen Seite denken, heute und bis zu jenem Tage, an dem der letzte Gefangene heimgekehrt ist. Denn bis zu jenem Tage werden wir nicht müde werden, zu fordern: Gebt sie endlich frei!

C. J.