Von Axel Use

Auf einem Hügel, der „Steinberg“ heißt, bei dem Orte Plön, mitten in der Holsteinischen Schweiz, wurde ein Experiment gemacht. Nein, es handelt sich um keinen Atom-Versuch, wenngleich jene andere geheimnisvolle „Atomkraft“, die in den Hirnen und Herzen jener Menschen wohnt, die sich der Kunst verschrieben haben, ihr; Hand im Spiele hat. Es ist ein Experiment, das in seinem Gelingen optimistisch stimmt, und in bescheidenem Rahmen, aber immerhin nachdrücklich, Gerede von der „Krise der Kunst“ widerlegt.

Auf diesem Steinberg, der am Schö-See liegt, stellt ein Haus. Ein Hamburger Patrizier hat es sich vor dem ersten Weltkrieg gebaut, als es den Menschen gut ging, als sie aber samt und sonders nicht wußten, wie gut es ihnen ging. Es ist ein großes Haus mit saalartigen Räumen für Leute, die einen freien Atem gewohnt waren. Das Schicksal des Hauses interessiert weiter nicht. Im letzten Kriege zog eine Zeitlang eine Marine-Kartei-Stelle in das Haus ein. Danach strömten Flüchtlinge ins Land und die kleineren, heizbaren Räume wurden mit ihnen belegt. Noch jetzt wohnen über vierzig Flüchtlinge in dem Haus. Aber die Keller waren unbenutzt, und die saalartigen Räume, die nicht zu heizen sind, waren es auch. Schutt türmte sich darin auf, und die Feld-, Wald- und Haus-Mäuse der Gegend gaben sich dort bei schlechtem Wetter ein Stelldichein.

Mit den Flüchtlingen kamen zwei Maler ins Land, der eine war Professor der Berliner Akademie gewesen, der andere hatte sich als freier Maler einen Namen gemacht. Beide sind Freunde und beide hangen seit langem der Idee an, eine private Kunstschule zu gründen, die abseits von den üblichen Akademie-Betrieb eigene Wege geht.

Da sammeln sich also – nachdem unheimlich viele bürokratische Dinge erledigt sind – einige junge Leute, die von ihnen „das Malen“ lernen wollen, um sich und beginnen, Schutt wegzuräumen. Es täusche – sich niemand, daß aller wesentliche Anfang für uns Heutige erst mal mit den Schuttwegräumen beginnt. Darauf fingen sie an, sich Arbeitsräume einzurichten. Die Wände wurden gesäubert, bemalt, Tische gezimmert, Lampen gebastelt, alles mit eigener Hand. Einer der zukünftigen Lehrer baute aus Backsteinen in der Mensa, in der alle gemeinsam das einfache Essen zu sich nehmen, einen Ofen, der aus dem Notbehelf eine effektive Lösung machte. Auch eine Presse, um Abzüge von Stichen zu machen, wurde gebaut. Kein Nagel, der nicht selbst eingeschlagen wurde, keine Schwelle, die nicht selbst gehobelt wurde.

Dann begann man zu malen und zu zeichnen. Schüler und Lehrer leben in einer dauernden Gemeinschaft, sozusagen unter mönchischer Klausur. Die beiden Gründer der Schule – Professor Erik Richter und Karl Storch – sind der Meinung, daß sich dadurch die Ausbildung wesentlich verkürzen und intensivieren läßt. Sie betonen, daß die Kunstschule „keine besondere Kunstrichtung bevorzugt, aber auf Tradition fußt“. Man will den Schülern alle geistigen und technischen Voraussetzungen geben, die für Maler lehrbar sind, so daß sie „im praktischen Leben bestehen können“. Diese Ausrichtung auf das praktische Leben ist geboren aus sozialer Verantwortung, die – man mag im einzelnen zu den Theorien der Lehrer stehen wie man will – für ihren ethischen Wert ein beredtes Zeugnis ablegt.

Der Ort Plön liegt ziemlich abseits, und der Gedanke, dort eine Kunstausstellung zu machen oder gar Bilder zu verkaufen, erscheint ziemlich absurd. Aber als ein Semester vorbei war, beschloß die „Kunstschule auf dem Steinberg zu Plön“ eine Schüler-Ausstellung zu arrangieren und durch Bilderverkauf den Schülern die 80 DM aufbringen zu helfen, die jeder für das gemeinsame Leben beisteuern muß. Man schickte Einladungen heraus – eigentlich ziemlich wahllos –, nach Hamburg, Kiel, Lübeck, Bremen, Lüneburg, Braunschweig und an Leute auf dem Lande, das zwischen diesen Städten liegt, und lud sie zur Eröffnung der Ausstellung ein. Einige Förderer der Schule, beispielsweise Professor Dr. Fritz Baade, der Leiter des Weltwirtschafts-Instituts in Kiel, Dr. Bernhard Frankenbach in Hamburg, Armin von Hoerschelmann in Lübeck und einige weitere Namen von gutem Klang taten ein übriges. Und zum festgesetzten Termin strömten die Autos herbei, als fände eine große Premiere in einer Staatsoper statt. Nie hat zweifelsohne der Steinberg vordem eine solche Auto-Auffahrt gesehen. Selbst ein Großstädter mußte verblüfft sein.