Ein Friseurladen. Die lange Reihe der Sessel ist leer, zwei Meister sitzen gelangweilt in der Ecke. Auf meine Frage, wo die anderen Mitarbeiter geblieben seien, zuckt der eine unbestimmt die Achseln: „Weggeschmolzen wie der Schnee in der Sonne! Zwei sind mobilisiert, die anderen haben sich verduftet.“

Er wickelt mich in einen Friseurmantel von zweifelhafter Sauberkeit, und ich will meine Wünsche äußern. Aber das alte, wendige Männchen winkt unmutig ab, tritt einige Schritte zurück, fixiert mich mit sachverständigem Blick, wetzt mit Virtuosität das Messer, legt es beiseite, ergreift die Schere und beginnt sein Werk. Nach den ersten Handgriffen muß ich gestehen, daß ich einem Meister seines Faches in die Hände geraten bin, und mache ihm ein Kompliment. Er nimmt meine schmeichelhafte Äußerung mit einer achtlosen Selbstverständlichkeit entgegen.

„Nehmen Sie es mir nicht übel, junger Mann, die heutige Jugend hat keine Ahnung mehr davon, was so ein richtiges Friseurgeschäft ist“, sprudelt es aus ihm unaufhaltsam hervor, indem er den wilden Haarbusch auf meinem Kopf bearbeitet. „Ich hatte ein Geschäft in Leningrad, als diese Stadt noch Petersburg hieß! Auf dem Newsky Prospekt! Was habe ich in meinem Leben für Leute unter dem Messer gehabt! Den Großfürst Sergius habe ich rasiert, bevor er durch die Bombe in die Luft flog! Und seine Gemahlin, die Prinzessin Elisabeth, besuchte den Mörder in seiner Zelle, überbrachte ihm ein goldenes Kreuz und ihre Verzeihung, weinte mit ihm zusammen über seine Sünde und ging ins Kloster, um für das Seelenheil des Mörders zu beten. Na, sie wurden dann von den Bolschewisten aus diesem Kloster, hier in Moskau, herausgeholt und totgeschlagen. Das waren Zeiten! Das ist alles ganz anders geworden. Es ist ja bestimmt nicht schön, daß Genosse Kiroff erschossen wurde. Daß aber für diese Tat eines einzelnen gleich 18 000 Menschen dran glauben müssen, finde ich etwas reichlich. Meinen Sie nicht auch? Und Kiroff selbst hat auch mindestens 100 000 umbringen lassen, er war ja für die NKWD in Leningrad sehr eifrig tätig. Ein ganz hübscher Preis für den sozialistischen Aufbau!“

Mir liefen kalte Ameisen über den Rücken. Was waren das für Reden? Aber der Mann war nicht aufzuhalten.

„Auch Trotzki habe ich rasiert! Ein sehr netter Mann. Er ließ sich immer Witze erzählen. Und für jeden guten Witz erhielt ich eine Anweisung für eine Schachtel Papyrosi. Auch zu Lunatscharsky wurde ich gerufen. Dieser Sohn des Volkes ließ sich von mir die Nägel maniküren und mit Parfüms einbalsamieren, daß er wie ein Blumenbukett duftete. Und die Tochter des Volkes, seine Frau Gemahlin, konnte nur Couer de Janette aus Paris vertragen. Sonst bekam sie Migräne!“

Inzwischen hatte noch ein Mann den Friseurladen betreten und sich den größten Teil der Rede angehört. Er stand plötzlich auf und schlug klirrend die Tür hinter sich zu.

„Sehen Sie“, fuchtelte der Alte mit seiner Schere in der Luft herum. „In ‚normalen‘ Zeiten wäre ich erledigt. Dieser Genosse würde ein kleines Papierchen schreiben, und ich würde in der nächsten Nacht eine Fahrt mit dem Schwarzen Raben‘, dem GPU-Wagen, machen. Aber jetzt hat er selber Angst. Er weiß nicht, ob es ihm nicht morgen an den Kragen geht. Sehen Sie, hier sitzen mitunter zwanzig und mehr Menschen – und alle schweigen! In welch einem Friseurladen der Welt herrscht Schweigen? Hier laufen doch alle Nachrichten zusammen, die Menschen wollen beim Warten und Bedienen etwas Interessantes hören und lernen. Hier müßte geredet werden. Aber alle schweigen oder blättern in den langweiligen Zeitungen. Warum? Alle, alle haben Angst. Man kann doch nicht immer wieder nur davon reden, daß der Atem Stalins nach Kölnisch Wasser duftet und daß sein Antlitz über den glücklichen Kolchosfeldern Rußlands leuchtet wie die liebe Sonne! Darum schweigen die Leuteund stochern sich mit Streichhölzern im Gebiß herum. Aber um wieder von diesem Genossen zu sprechen, der eben herausging –: Wenn Moskau gerettet wird, kommt auch er wieder und wird sich für mich interessieren. Er wird mich aber nicht mehr vorfinden. Ich habe nämlich in den letzten Tagen zu viel geredet und muß wieder wandern. Da haben wir schon so eine bestimmte Ahnung und manchmal wohlwollende Freunde, die einem den Wink geben. Es ist nicht das erstemal, daß ich meinen Wohnsitz wechsele. Traurig ist es! Die Friseure werden nirgends ernst genommen, aber unser Staat versteht keinen Spaß und hat keinen Humor! Auch bei den Deutschen bleibe ich nicht – die haben zu viel Verstand und zu wenig Herz. Mögen sie uns ihre Maschinen liefern und uns sonst ungeschoren lassen. Der Bürger Petroff wird also wieder auswandern, und dann können die mich suchen, wie einen Windstoß im Feld.“