Von Karl N. Nicolaus

Am Strande von Travemünde, Timmendorf oder Grömitz ist man erstaunt zu sehen, wie viele gutgewachsene Frauen dort im Wind; hin und her gehen, in der kühlen See hin und her schwimmen. Auch auf der Promenade findet die Hin- und Herbewegung statt. Und auch in den Dünen, wo sie einsam sind, und wo der Strandhafer sanft im Winde klirrt. Überall sind die Damen unterwegs, die wie die Göttinnen schreiten. Und Männer sind da und Kinder, die große Burgen im Sand bauen und Schiffchen auf dem Wasser segeln lassen. Und alles findet in größter Natürlichkeit und Ungezwungenheit statt.

Die Strandkörbe aber sind der eigentliche Hort des Menschen an der See; sie fangen die Sonnenstrahlen für die Sonnenanbeter ein oder schirmen sie ab für die, die empfindlicher sind. Diese Körbe stellen das kleinstmögliche Gebilde einer Hütte dar – den Menschen, der aus großen Steinhäusern kommt, daran gemahnend, daß er die Parole „Zurück zur Natur“ befolgt. Nach derselben Parole scheinen auch die modernen Badeanzüge entworfen ...

Wieso? Was hat die Philosophie mit Badeanzügen und Strandkörben zu tun: Gemach! Wenn jener große Jean Jacques Rousseau nicht seinerzeit mit seinem Postulat „Zurück zur Natur“ die Welt revolutioniert hätte, gäbe es beides nicht. Und es gäbe keine Kurpromenade und keine Badeorte an der See und keine Villen und nichts. Alles ist im letzten ausgelöst worden durch die revolutionierenden Gedanken dieses einen Mannes. Man sollte meinen, daß die Ostsee von eher gleich blau und schön, und die Brandung genau so zärtlich war, wie sie heute ist. Es war ohne Zweifel auch der Fall, aber den Leuten mußten erst die Bretter von den Köpfen genommen werden, die sie hinderten, es zu sehen und zu genießen. Und eben diese schwere Arbeit begann Rousseau vor nahezu zweihundert Jahren (genau war es 1761). Die Gründung des ersten Ostseebades in Doberan-Heiligendamm im Jahre 1793 ist eine direkte Folge der Umwälzung im Denken, die Rousseau auslöste. Travemünde folgte 1802 mit der Gründung seiner „See-Badeanstalt“, die späterhin berühmt wurde. Seitdem treiben wir alle noch in der Strömung, die damals begann. Nicht nur die Badeanzüge, das Benehmen in den Strandkörben, die Badesitten – alles beweist es.

Man nehme nur einiges heraus –: die Methode, ins Wasser zu gehen. Man könnte denken, dies sei von Anfang an ein einfaches Problem gewesen. Hier ist der Strand, und da ist das Wasser, und der Mensch läuft vom Strand ins Wasser und basta! So ist es heute! Und wie war es einst? In Heiligendamm „erfolgten die ersten Bäder“ in der Ostsee von zwei „Badeschiffen“ aus (Männlein und Weiblein streng und weit voneinander getrennt). Nur von diesen Schiffen aus, die man völlig bekleidet betrat, konnte man, wie es in einem Bericht aus jener Zeit heißt, „auf schwanker Stiege hinabsteigen in die grünliche Flut.“ Eine Sensation erster Klasse. Von jenen „Badeschiffen“ bis zum heutigen Baden vom Strandkorb aus ist ein weiter Weg.

Noch bis zum ersten Weltkrieg gab es in den meisten Badeorten getrennte Herren- und Damen-Badeanstalten. Man kann es heute gar nicht mehr begreifen, daß der freie Blick auf die blaue See durch solch entsetzliche Baracken auf Pfählen verrammelt wurde. In einem offiziellen Ostseebäder-Führer aus dem Jahre 1926 heißt es noch: „Eine wichtige Konzession haben sich die Ostseebäder durch den Umsturz abringen lassen“ (gemeint ist die Revolution von 1918), sie mußten das Freibaden vom Strandkorb aus gestatten. Gern haben sie das nicht getan, denn sie mußten mit einem starken Widerspruch sittenstrenger Zeitgenossen rechnen, die von der neuen, freien Mode keineswegs erbaut waren. Aber die moderne Richtung wußte ihre Sache mit so beredtem Nachdruck zu führen, daß schließlich die zuständigen Regierungspräsidenten dem Antrag stattgeben ...

Aber auch der Strandkorb hat sich entwickelt. Die ersten Strandkörbe wirkten wie größere Schutenhüte aus dem Biedermeier, so klein und eng... Dann wurden sie geräumiger und bequemer. Die ersten „Liege-Körbe“, die man zurücklehnen konnte, erschienen 1913 und riefen die Sitten-Apostel auf den Plan, die albernerweise in jeder horizontalen Liegemöglichkeit bereits ein Instrument der Verworfenheit sahen. Auch ihnen wurden die Bretter vor den Köpfen demontiert. Der Liegekorb setzte sich durch. Und am Timmendorfer Strand kann man dieses Jahr Strandkörbe aus Kunststoff sehen, die federleicht und mühelos zu transportieren sind.