Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Mitte Juni

In Berlin-Ost wurde der Leiter der Berliner Falken-Organisation, der zwanzigjährige Heinz Westphal, zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt, weil er in einem Schauprozeß gegen seinen Freund Jürgen Gerull, den die ostzonale Justiz auf zweieinhalb Jahre ins Gefängnis schickte, einen Zwischenruf gemacht hatte. Die Angeklagten, durchweg junge Menschen zwischen achtzehn und zwanzig Jahren, durchweg Angehörige der sozialistischen „Falken“ Westberlins, hatten im Ostsektor der Stadt eine westlich lizenzierte Zeitung verteilt, in der unter anderem dazu aufgefordert worden war, beim „Volkskongreß“ mit Nein zu stimmen, und in der ein Aufsatz über die aus Polen vertriebenen Deutschen zu lesen war. Das „Delikt“, jene Zeitungen verteilt zu haben, wurden den jungen Leuten als ein „Verbrechen gegen den Frieden“ ausgelegt. So erhielt denn der von der kommunistischen Seite immer wieder propagierte „Feldzug für den Frieden“ eine erste prozessuale Interpretation, die besonders eindringlich war, weil sie junge Menschen betraf. Und den i-Punkt auf diese von einem „Volksstaatsanwalt“ (also einem juristisch nicht voll vorgebildeten Manne) geforderten und auch durchgesetzten Verurteilungen setzte schließlich die offizielle Erklärung des Zentralrats der „Freien Deutschen Jugend“: sie billige Urteil und Prozeß verlauf vollauf...

Diese Erklärung macht die Gesamtsituation der in der Sowjetzone heranwachsenden Jugend deutlich. Die „FDJ“ nämlich – die „Freie Deutsche Jugend“ – ist in gleichem Sinne und Maße wie die frühere „Hitlerjugend“ die Monopolorganisation der Jugend. Und ähnlich sind die Gebräuche. Das „Pfingstparlament“ der FDJ das in Leipzig stattfand, gab darüber beredte Auskunft. Mehrere zehntausend Jugendliche wurden nach Leipzig geschickt. Sie hatten dort kräftig zu „demonstrieren“, hatten den eben aus Amerika angekommenen Kommunisten Eisler tüchtig zu umjubeln, Pieck und Grotewohl anzuhören und Resolutionen für die deutsche Einheit gegen die „westlichen Einkreisungspläne“ zu fassen. Aber der Stil dieses Meetings war auch noch für andere Gepflogenheiten solcher Monopolverbände typisch: Ein großer Vorbeimarsch gehörte zum Decors des Treffens, dessen fraglos beabsichtigter Höhepunkt ein Marsch starker Polizeieinheiten war, die man für diesen Zweck in eine ganz neue schneeweiße Uniform gesteckt hatte. die Verbindung zwischen der „FDJ“ und der rasch wachsenden „Volkspolizei“ wurde gewichtig demonstriert. Übrigens gibt diese Jugendorganisation ihre Mitgliederziffer mit 600 000 an.

Alles ist wie damals, als die Jugend Hitlers Uniform trug. Es ist unmöglich, Sport zu treiben, ohne Mitglied der FDJ zu sein. Noch mehr: Jungen, die der „FDJ“ nicht angehören, sind politischen, sozialen und wirtschaftlichen Repressalien ausgesetzt, da die Stellenvermittlungen, die Fragen der Schulaufstiegsmöglichkeiten und der Zulassung zum Studium Sache der „FDJ“ sind, Kleidung, Schuhe, zusätzliche Ernährung gewährt und verteilt allein die „FDJ“. In ihr gibt es sogar Gruppen, die Neigung oder Abneigung der Eltern und Lehrer gegen die Einrichtungen der Zone überwachen. Die Ergebnisse ihrer Beobachtungen fließen den staatlichen Sicherheitsorganen und ihren sowjetischen Dienststellen zu. So ist die „FDJ“ ein Staat im Staate, von dem sich auszuschließen schon von vornherein Verdacht erregt, und Verzicht auf alle wirtschaftlichen Chancen der mit wirtschaftlichen Segnungen so karg versehenen Zone nach sich zieht. Ergänzt wird die „FDJ“ neuerdings durch die Organisation der „Jungen Pioniere“, in der die Jüngsten die Sechs- bis Zehnjährigen, nun auch schon dem Einfluß der Eltern entzogen werden.

Die „Freie Deutsche Jugend“ also ist ein Instrument der kommunistischen Staats- und Polizeiinteressen. Wer die Jugend in der Sowjetzone meint, kann ebensogut von der „FDJ“ sprechen als einer Organisation, die über das Leben, die Entwicklung und die Zukunft nicht nur jedes einzelnen Heranwachsenden, sondern auch die seiner Familie grobschlächtig nach dem Zweck dieses östlichen Unternehmens entscheidet. Darum ist es kein Wunder, daß eben diese Funktionäre der „FDJ“ einen Spruch gutheißen, der ihre jungen Freunde aus Westberlin nur deshalb auf Jahre einkerkern will, weil sie anderer Gesinnung sind!