Gw., London, Mitte Juni

England atmet auf. Der Argentinienvertrag ist unter Dach und Fach. Selten hat „der Mann auf der Straße“ so viel über einen Handelsvertrag geredet. Diesmal ging es wenn nicht um das tägliche Brot, so doch um das tägliche Fleisch. Und das mit einem Minimum an Kochkunst produzierte britische Dinner ist ohne Fleisch selbst für den Engländer ungenießbar.

Das Fleisch ist zwar teurer geworden. Es kostete vor dem Kriege 44 £ die Tonne und 86 £ unter dem 1948er Vertrag mit Argentinien; 97 1/2 £ ist der neue Preis im fünfjährigen Abkommen, das Lieferungen von 250 000 t im ersten Jahre, 300 000 bis 400 000 t in den folgenden Jahren erreichen soll – gegen die 410 000 t unter dem Vorjahresvertrag, die zum großen Teil nicht kamen und die britische Fleischration auf den bisher niedrigsten Stand fallen ließen. Der höhere Preis ist für die englische Hausfrau nicht angenehm, seitdem Schatzkanzler Cripps den in den Augen der Gewerkschaften offenbar undiskutierbaren „unsozialen“ Beschluß gefaßt hat, weitere Verteuerungen der von Engländern konsinnierten Nahrungsmittel nicht mehr aus dem Staatssäckel und damit aus der Tasche des Steuerzahlers, sondern aus der Haushaltskasse und damit aus der Tasche des Konsumenten bezahlt zu sehen.

Außer ein paar Handelspolitikern, Wirtschaftsjournalisten und direkt betroffenen Geschäftsleuten interessiert es in England kaum jemanden, was – außer den Fleisch-Vereinbarungen – sonst noch im Handelsvertrag mit Argentinien steht. Aber der Vertrag wird auch noch von anderen Leuten gelesen, Amerikanern zum Beispiel. Sie finden darin, daß England für 80 Mill. £ jährlich aus Argentinien kaufen will, darunter viel Mais und sonstiges Getreide: zu Weltmarktpreisen. Das ist keine sehr erfreuliche Lektüre für Amerikas Politiker, deren Farmer-Anhänger ernsthaft beginnen, über Absatznöte zu klagen, Erst kürzlich hat man England erklären müssen, daß es nicht länger mit Marshall-Dollars für die Bezahlung seiner Weizenkäufe in Kanada rechnen könne. Da England fest mit Kanada abgeschlossen hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, ab „freie“ Dollars aus seinen Exporten nach Kanada für seine Weizenkäufe in Kanada zu verwenden und gleichzeitig andere Verwendungsmöglichkeiten für Marshall-Dollars in Kanada zu suchen. Das wird immer schwieriger, je mehr „Überschüsse“ amerikanische Farmer anmelden. Denn jeder Artikel, der durch ECA zum „Überschußartikel“ erklärt wird, darf mit Marshall-Dollars nicht mehr außerhalb der USA eingekauft werden. Es könnte also der Tag kommen, an dem man in Europa seufzt, Marshall-Dollars sind ja sehr schön – aber was kann ich mir dafür kaufen, ohne meine anderen Lieferanten vor den Kopf zu stoßen und ohne höhere Preise zahlen zu müssen als sie anderwärts üblich sind?

Aber die Sache mit dem argentinischen Getreide war noch nicht das Schlimmste. Schließlich hat England stets Getreide aus Südamerika gekauft, dagegen sehr wenig in den USA. Was jedoch dem Faß den Boden ausschlägt, ist das Gegenstück, die Bezahlung, die England leisten wird! Fertigwaren, Kohle und, den Amerikanern blieb zunächst die Luft weg, Öl, 6 Mill. t Öl! Alles dies und vor allem Öl möchten auch die Amerikaner in Argentinien verkaufen. Sie können es nicht, weil Argentinien keine Dollars hat, sondern bereits Dollarschulden. Statt dessen bezieht England aus den USA noch Öl, sogar mit Marshall-Dollars. Es handelt sich um andere Qualitäten; man kann also nicht von einer „Wiederausfuhr“ von Marshall-Öl sprechen. Man kann auch nicht von einer „Wegnahme“ amerikanischer Absatzmärkte durch die Briten sprechen – weil Argentinien heute keine Dollars hat. Aber – und hier haken die Verbindungsleute der USA-Ölwirtschaft in Washington ein – es könnte doch sein, daß in drei oder vier Jahren Argentinien Dollars für USA-Öl hätte. Und dann könnte es noch immer kein USA-Öl kaufen, weil sein Verkauf von Fleisch und Mais an England an seine Käufe vor Kohle und Öl aus England (bzw. aus dem britischen Trinidad) auf fünf lange Jahre gebunden ist. Dies ist der Sinn des „inoffiziellen“ Protestes des USA-Außenministeriums an England und Argentinien, mit dem Vorwurf, daß man derart bilateral eigentlich nur für ein Jahr und höchstens – siehe die Vereinbarungen von Genf und Havanna – für drei Jahre schließen dürfe.

Nun, der Protest hat den Vertrag nicht aufhalten können und schert daher den englischen Fleischesser wenig. Aber in Whitehall hat man ihn nicht überhört und aus zwei Gründen sogar sehr ernst genommen: erstens weil er symptomatisch ist für die veränderte Einstellung Washingtons zum amerikanischen Verlust von echten oder hypothetischen USA-Exportchancen, eine Einstellung, die immer feindseliger, wird, je mehr die amerikanische Beschäftigung auf der Rutschbahn von der Überbeschäftigung in eine Normalkonjunktur hinabgleitet; und zweitens, weil nicht nur im Falle Argentinien, sondern auch im Falle des intereuropäischen Zahlungsabkommens (dessen Auflockerung kürzlich in Paris an der von England geführten europäischen Opposition scheiterte) das amerikanische Drängen auf das Ablegen von schützenden Mänteln sichtbar wird, deren Abstreifen nach britischer Absicht dem noch zu geschwächten europäischen Wirtschaftskörper eine gefährliche Lungenentzündung bringen könnte. Washington würde es, in den Worten von „Time“, gern sehen, wenn der europäische Handel gelockert und wenn England sehr viel mehr Champagner trinken würde; die Engländer aber wollen erst mit Fleisch den Grund legen!“