Der „Mitläufer“ Herms Niel

Als der öffentliche Kläger im Gericht des Entnazifizierungsausschusses für Kulturschaffende zu Hannover betonte, der Angeklagte Nielebock habe durch seine Marschmusik den Nationalsozialismus gefördert, stellte er sich – ob er es wußte oder nicht – auf die Seite des großen Platon. Mit anderen Worten: er betrachtete Nielebock platonisch. Hatte nicht Platon schon gemeint, es gäbe Musik, die dem Staate nütze, und solche, die dem Staate schade? Das Gericht konnte sich offenbar dieser Idee nicht anschließen. Es sagte, Nielebock habe zwar den Nationalsozialismus unterstützt, aber nicht wesentlich (und gar nicht mit Absicht) gefördert. Es sei ihm auch keine Nutznießerschaft nachzuweisen. Nielebock sei jedoch Mitläufer. Deshalb wurde ihm die Wählbarkeit abgesprochen. Der Ruf „Wählt Nielebock!“ wird also niemals erklingen. Gewiß hat er Anhänger, die dies bedauern. Denn Nielebock, heute Landhelfer im Kreise Meppen, hieß einst Herms Niel. Auch Rieß er, seit Hitler ihm den akademischen Titel verlieh: der „Professor mit dem Trommelschlag“.

Kein Nutznießer? Wenn einer, der künstlerisch ein Nichts ist, durch Marschkonjunktur zum Professor wird, dann ist das doch wohl trefflich nutzgenossen. Aber ein Mitläufer? Er hat zwar das „Engelland-Lied“ komponiert: „Denn wir fahren, denn wir fahren...“ Aber mitgefahren ist er nie, geschweige denn mitgelaufen. Er zog sich den Rock aus und dirigierte auf seinen Proben in Hosenträgern seine Arbeitsdienstkapelle: das war eine Spezialität von ihm. Seine künstlerische Spezialität (wenn man sie denn „künstlerisch“ nennen will) war eine robuste Verwendungsart der Großen Trommel, die er sozusagen zur Solistin im Staub der Landstraßen erhob. „Liebes Mädel, schönes Kind, du (bumm!), du (bumm), du (bumm, bumm)...“ Wer, der den „harten, heroischen Marschtritt der eisernen Jahre“ miterlebt hat, erinnert sich nicht auch an das kleine Blümlein, das auf der Heide blüht, „und das heißt... bumm, bumm, bumm... Erika!“ Oder die unvergeßlichen Aperçus, welche die Große Trommel an folgender Stelle eines anderen Liedes zum Besten gab: „Und (bumm!) kommt (bumm!) der (bumm!) Frühling dann ins Tal / Grüß (bumm!) mir (bumm!) die (bumm!) Lore noch einmal...“ Stets, wenn die Stimme schwieg, „sang“ die dicke Trommel. Vielleicht stammt daher sein damaliger Erfolg, daß, wenn an Volk marschieren und zugleich singen muß, eine gewisse Kurzatmigkeit (neben der Kurzsichtigkeit) in Erscheinung tritt. In diesen durch Kurzatmigkeit entstandenen Pausen ließ Herms Niel die Große Trommel solistisch sprechen, und alle, alle faßten wieder Tritt...

Hätte das Gericht im Falle Nielebocks einen Musikästheten zugezogen, so hätte dieser die stilkritischen Untersuchungen über volksnützliche oder volksschädliche Musik wie angedeutet anpacken müssen. Aus diesem Referat vor den Richtern wäre vielleicht ein für die Allgemeinheit wichtiger Essay entstanden, betitelt: „Die dicke Trommel als politische Waffe.“ Diese Gelegenheit, die Stichhaltigkeit der Ideen Platons gegenwartsnah zu diskutieren, ist leider versäumt worden. Sehr „platonisch“ – im vulgären Sinne des Wortes, das eine gewisse Teilnahmslosigkeit oder höchstens „wohlwollendes“ Interesse ausdrückt – verhielt sich Nielebock selbst –: Nachdem er schon auf den England – Fahrten nicht mitgefahren, bei den Märschen nicht mitmarschiert ist (obwohl er rund 300 schrieb), ist er auch zum Termin nicht erschienen. Er tritt nicht mehr auf; der Professor hat sich selbst musikalische Generalpause verordnet mit ländlicher Stille und ohne jeden Trommelschlag. Mtr.