Von Georg Schneider

Als ein Münchener Magazin neben anderen Nullitäten in antithetischer Gegenüberstellung auf einer Doppelseite einen Ganzakt neben einem leeren Metzgerladen mit der gemeinsamen Unterschrift „Angebot und Nachfrage“ publizierte, entschuldigte sich der Verleger des Auflageblattes mit dem Hinweis, daß er nur mit den erheblichen Überschüssen seines Magazins das anspruchsvolle literarische Niveau des übrigen Verlagsprogramms halten könne. Die Situation ist paradox. Der Geist – aufgerufen, gegen den Ungeist seichten Schrifttums anzugeben – wird durch Pornographie gestützt! Was ist zu tun? Es wird in Zukunft weniger darauf ankommen, gegen unsere Kioske zu wettern, als dem Leser den Blick für die Hintergründe zu öffnen. Es gilt, eine Psychoanalyse der Kioske zu entwerfen, die notwendig zugleich eine Psychoanalyse der Leser sein muß.

Man hat Freud nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen, daß er bei den von ihm behandelten Kranken stets sexuelle Grundlagen gefunden habe. Das Bild unserer Kioske mit ihren Auslagen ist demgegenüber eindeutig. Es braucht nichts hineingelesen zu werden. Schon Lord Northcliffe, ein Mann, der es in langjähriger Erfahrung wissen mußte, gab seinen Adepten den auf die Instinkte der Masse berechneten Rat mit, daß ein Blatt, das „groß-verkauft“ werden wolle, eine Mischung aus „sex, blood and colours“ darstellen müsse. Erotik, Blut und Farbe ist es denn auch, was vorzüglich auf den Wänden unserer Kioske prangt.

Bekannt wie das Rezept sind auch die Mittel, mit denen die gewünschte Wirkung jeweils erzielt wird. Unentbehrlich für das erotische Prinzip ist das Girl als Sexualwesen, ist der Ganz- und Halbakt, sind raffinierte Kombinationen und gewagte Stellungen als Ganz-, Halb- und Viertelpornographie. Bekannte Filmschauspielerinnen und unbekannte Schönheiten lassen ihren Sex-Appeal zugunsten der Massen spielen. Wir kommen zum zweiten Prinzip, dem Blut. Es scheint, als stehe es zusammenhanglos neben dem ersten. Allein, der Psychiater weiß von den mannigfaltigen, unterbewußten und geheimen Beziehungen zwischen sinnlicher Lust und der Inkarnation des Blutes, dem Mord. Die Sprache dokumentiert es in der Bezeichnung Lustmord. In dieser Form ist. der Mord – es fällt nicht leicht dies auszusprechen, aber es muß um der Wahrheit willen gesagt werden – in dieser Form ist der Mord zweifellos am publikumwirksamsten. Voran steht der Kriminalreißer. Sein Verfasser empfängt Idee und Anregung nur selten aus der Wirklichkeit. Ja, er weicht dieser zuweilen bewußt aus. Altmeister Edgar Wallace, Veranstalter von Massenmorden, bekennt offen: „Die landläufigen Verbrechen sind zu ideenarm und die Ausführung von Missetaten zu geistlos, als daß ich sie als Vorbild verwenden könnte.“ Das Leserpublikum verlangt nach stärkeren Essenzen. Es stimmt in diesem Zusammenhang und im Hinblick auf das Goethe-Jahr ironisch, wenn man bedenkt, daß zu Goethes Lebzeiten sein Schwager Vulpius mit seinem Reißer „Rinaldo Rinaldini“ absatzmäßig weit größere Erfolge hatte als Goethe mit seinen Werken. Die Zeiten haben sich in diesem Punkte wenig geändert. Die verdrängten Triebe, die in einer zivilisierten Wirklichkeit nicht mehr befriedigt werden können, die unbewußten Aggressionsgelüste und geheimen Sehnsüchte suchen in der Darstellung und Lektüre von Mord und Erotik Ersatz.

Was nun das dritte Prinzip, die Farbe, angeht, so ist, sie notwendig, im Besatzungsdeutschland zurückgedrängt. Indessen hatte jener amerikanische Presseoffizier das richtige Gespür, als er in seiner Office zwei deutsche Zeitungsblätter an die Wand heftete, deren eines ein Pin-up-girl, deren anderes einen deutschen General darstellte. Die Uniform hat auf das Weibliche eine geheime Anziehungskraft. Nicht nur die deutsche Uniform! Das Problem liegt hier nicht einmal so sehr im Nationalen als wiederum im Geschlechtlichen.

Novalis schrieb den nachdenklichen Satz: „Es ist sonderbar, daß nicht längst die Assoziation von Wollust und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandschaft und ihre gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.“ Lord Northcliffe nannte für ein gutgehendes Blatt drei Prinzipien. Er umriß, um in der Sprache des Psychiaters zu bleiben, nur einen Komplex.