Europäische Erstaufführung in Essen

Schönbergs viertes Streichquartett op. 37 von 1939 kommt zur rechten Zeit zu uns. Gleich zweimal in zehn Tagen wird es zur „deutschen Erstaufführung“ gebracht; das seit zwei Jahrzehnten um die moderne Musik verdiente Peter-Quartett (Essen) spielte es erstmals auf dem Kontinent, anschließend bringen es die Amsterdamer auf dem Frankfurt-Darmstädter Musikfest. So wird sich um dieses Werk, das die beiden Vereinigungen auch an anderen Orten spielen werden, die neuerlich angelaufene Diskussion um Schönberg kristallisieren. Denn dieses Quartett zeigt uns nach dem noch ungleich schwerer zu überschauenden Klavierkonzert op. 42 Arhold Schönberg auf dem Gipfelpunkt seines Weges, der in der „Tristan“-Nähe der „Verklärten Nacht“ begann und sich in den uns noch unbekannten letzten Werken in die vertrauteren Gefilde der Tonalität zurückwendet.

In den vier Sätzen von 38 Minuten Dauer hat der 75jährige Meister die äußerste Konsequenz der Zwölftönetechnik erreicht. Aber das technische Moment tritt für den Hörer vollkommen zurück hinter der unerhörten Ausdruckskraft dieser Musik. Teils mit Hilfe einer willkürlich gehandhabten kontrapunktischen Fortspinnung der „Reihen“, teils auch gegen ihre – als einzige Disziplinierung des Tonmaterials selbst gesetzte – formende Beschränkung schwingt sich hier ein letzter Romantiker von der esoterischsten Art in die ätherischen Höhen einer Ausdrucksmusik, deren Reinheit alle Spannungs-Polarität leugnet und aus der Totalität der „Reihe“ in unendliche Bewegung überleitet.

Das Peter-Quartett, dem der Essener Kulturkreis Folkwang zum zweimaligen (durch kluge Erläuterungen Dr. Heinrich Eckerts unterbrochenen) Vortrag des Werkes einen ‚eigenen Abend eingeräumt hatte, spielte das ungeheuer anspruchsvolle Werk mit der Meisterung der technischen Probleme und der bestimmenden Intensität des Ausdrucks, in deren Zusammentreffen es erst seine widerspruchsvoll differenzierte Einheit vollendet. Alfred Braasch