Von Marion Stinze

Wieviel verdiene ich als Lehrling?“ Das istdie häufigste Frage, die auf der Ausstellung „Jugend dein Beruf im Völkerkundemuseum in Hamburg gestellt wird. Das Arbeitsamt, die Jugendbehörde, die Handwerkskammer und andere Organisationen, denen an der richtigen Berufswahl der Jugend gelegen ist, sind die Veranstalter dieser Ausstellung, die durch Hinweise auf die körperlichen und geistigen Anforderungen die Aufstiegs-, Entwicklungsmöglichkeiten und den Ausbildungsweg in den verschiedenen handwerklichen Berufen, in der Industrie, im Handel und in der Landwirtschaft den Jugendlichen die Berufswahl erleichtern will.

Zum ersten Male nahmen sich die dem „Baukreis“ angehörenden freischaffenden Maler und Bildhauer der Gestaltung einer Ausstellung an. In 67 Ständen werden 73 Berufe erläutert; 40 Berufe durch praktische Vorführungen, alle weiteren durch Fotos, Modelle und graphische Darstellungen. – Ganze Werkstätten mit ihren Meistern, den Gesellen, den Lehrlingen, ihren Maschinen und den Handwerkszeugen zogen in das Museum, und sie arbeiten nicht etwa nur zum Schein, sondern führen hier ihre laufenden Aufträge aus. An jedem Stand gibt eine Statistik Auskunft über den Bedarf und die Nachfrage des hier gezeigten Berufes. Doch berücksichtigen diese Tabellen allein das Vorhandensein von Lehrstellen, nicht aber den wirklichen Bedarf. Denn während tatsächlich ein großer Mangel an Damenschneiderinnen besteht, zeigt die Statistik, daß nur wenige Lehrlinge hier unterkommen können, eben weil es an Lehrmeisterinnen fehlt.

Jungen und Mädchen reagieren sehr unterschiedlich auf diese Tabellen. Die Jungen sind viel weniger beeinflußbar und härter. Sie sagen: Wer tüchtig ist, boxt die anderen zur Seite und setzt sich durch. Sie kehren immer wieder zu den Ständen zurück, die sie von Anfang an am meisten interessierten, unbekümmert, ob die Statistik ein Überangebot anzeigt oder nicht. Viele Berufe, so zum Beispiel der des Stukkateurs, des Schriftsetzers, des Schmiedes und des Graveurs sind überaltert und brauchen dringend Nachwuchs; obgleich sie gute Verdienstmöglichkeiten bieten, finden sie in der Ausstellung kaum Beachtung. – Ein alter Sattlermeister, der von den Jungens nach dem Verdienst in seiner Branche gefragt wurde, antwortete: „Bei uns ist es noch Brauch, daß die Lehrlinge beim Meister wohnen und die Füße mit unter seinen Tisch setzen dürfen und zunächst nur ein Taschengeld erhalten.“ Er fand kein Verständnis. „Uns interessieren die Lohnsätze“, sagte ein Vierzehnjähriger bestimmt. Sie glauben nun einmal alle, daß in Mode-Berufen, wie denen der Elektrotechnik, der Feinmechanik, der Radiotechnik, nicht nur am besten gezahlt wird, sondern trotz des Überangebots auch am meisten Aussichten bestehen.

Viel einsichtsvoller sind die Mädchen. Manche von ihnen, die der Friseuse (ihr Beruf ist stark überlaufen) oder der an einem wunderschönen Kleid nähenden Schneiderin zuschauten, wurden durch die Tabellen zaghaft und sahen sich, wenn auch schweren Herzens, nach anderen Möglichkeiten um. So erweckte eine Wäscherin, an der sie anfänglich achtlos vorbeigegangen waren, plötzlich Interesse und später, als sie den Mädchen die modernen, ganz leicht zu bedienenden Waschmaschinen zeigte, sogar etwas wie Begeisterung.

Einige Stände zeigen die Aufschrift „Scheinfilmen“. Sie gehören der Deutschen Angestelltengewerkschaft. Diese Firmen werden von Jugendlichen, die sich fortbilden wollen, abends in ihrer Fieizeit geführt. Sie arbeiten wie große Handelsfirmen, schließen Auslandsverträge mit Scheinfirmen in der Schweiz und Österreich, verkaufen und bearbeiten Scheinwaren und zahlen Scheingelder für Scheinangestellte, alles ohne einen Pfennig Geld und wirkliche Ware, nur auf dem Papier. So lernen diese jungen kaufmännischen Angestellten in ihren Abendstunden das umfangreiche Arbeitsgebiet ihres Berufes kennen, bekommen einen Gesamtüberblick und arbeiten, da sie die Aufstiegsmöglichkeiten kennenlernen, mit größerem Eifer in ihrer wirklichen Firma.

Trotz des Artikels 12 des Bonner Grundgesetzes, der allen Deutschen eine freie Berufswihl gestattet, – scheint bei der heutigen wirtschaftlichen Situation Deutschlands eine leichte Steuerung oder zumindest Anleitung des Nachwuchses durchaus notwendig. Diese vorbildliche Ausstellung „Jugend dein Beruf“ bemüht sich darum auf besonders vertrauenerweckende Art.