Von unseren Korrespondenten Jean-Charlot Saleck

Paris, im Juni

Es gibt Schauspielerinnen, denen es gelingt, mit dem einfachen Vorgang eines stummen Eintritts auf die Bühne große Wirkungen beim Publikum zu erzielen; andere, wiederum verstehen es, durch gutstudierte Abgänge in die Kulisse, vor allem dem Ende einer Szene oder eines Stückes einen besonderen Akzent zu verleihen. So waren die Réjane und Cécile Sorel ausgesprochene Eintrittskünstlerinnen, die Sarah Bernhardt aber war ganz entschieden ein Abgangsgenie. Letzteres zu sein hat den Vorteil, daß man noch während des effektvollen Verlassens der Bühne von den bewegten Zuschauern durch spontanen Applaus zurückgerufen und bejubelt wird.

Seit dem Tod der Sarah Bernhardt hat Paris sich keiner großen Abgangskünstlerin erfreuen können und war jenes wohligen Hochgefühls von Furcht und Schrecken beraubt, in dem der Mensch, sofern es ihm im Theater unverbindlich vorgeführt wird, zu schwelgen liebt, das er aber, legt das wirkliche Leben es ihm auf, keineswegs als Genuß empfinden kann.

Zwei Kriege, soziale Umwälzungen, Besatzung und Befreiung mußte man erleben, um nach Jahrzehnte währender Karenz wieder jemanden zu sehen, der sich auf erregende Abgänge verstand. Aber ach, wer uns dies bot, war keine Sarah Bernhardt, war überhaupt keine Frau, sondern ein Mann und damit schon eine Enttäuschung, ist der Geschmack am Männlichen doch verkümmert in Frankreich, und vor allem war es nicht jemand von der Bühne, von jener, die gemeint ist, wenn man Theater sagt. Der Abgangskünstler, dem die Nachfolge der Sarah Bernhardt zufiel, war einer der Großen der wirklichen Welt, einer, der die Geschichte und die Geschicke der Menschen nicht als kostümierter Schauspieler darstellt, sondern diese, leider handelnd, auf der Bühne der Politik als Gegenpartner anderer Mächtiger mitbestimmt: es war Molotow. Molotow, der größte Neinsager unserer Zeit. Es liegt schon drei Jahre zurück, daß er sich vor zehntausenden Parisern als wirkungsvoller Abgangskünstler produziert und der Regierung und dem Volk einen solchen Schrecken eingejagt hat, daß all denen, die der Szene beigewohnt haben, die Kunst selbst einer Sarah Bernhardt auf immer als fade erscheinen wird: Es war bei einer jener damals so zahlreichen Siegesparaden auf öffentlichem Platz, vor dem Stadthaus. Der Chef des Protokolls hatte die unglückliche Idee gehabt, die Vertreter der fremden Regierungen auf der diesen reservierten Tribühne in alphabetischer Reihenfolge nach den Anfangsbuchstaben der Namen ihrer Länder zu plazieren, so daß der Minister der UdSSR den letzten, der-von Albanien den ersten Platz erhielt, Niemand schien sich zunächst daran zu, stoßen, zumal mancher Gesandte des einen oder anderen großen Landes gewiß froh war, auf derart wohlfeile Weise die so viel gepredigte Demokratie unter sichtbaren Beweis zu stellen; einzig Exzellenz Molotow entdeckte plötzlich die dem Sowjetempire angetane Schmach und verließ – das anwesende Oberhaupt der französischen Vierten Republik schwer beleidigend – unter Protest die Tribüne, ein Abgang, der denen, die ihm beiwohnten, länger den Atem stocken ließ, als es je ein Mime vermocht hat. Diesem effektvollen und unvergeßlichen Debüt folgte wenige Monate später bei der Friedenskonferenz im Luxembourg-Palais das für Europa so verhängnisvoll gewordene starre Nein Molotows, sein brüsker Aufbruch aus der Versammlung und der in eine Wolke von Verbissenheit und Groll gehüllte Abflug von Paris, mit dem er ganz Frankreich entsetzte und die westliche Welt überhaupt, was er durch ein ähnliches Gastspiel mit gleicher Wirkung in London ergänzte.

Auf seinen Nachfolger Wyschinski wagte niemand Hoffnungen zu setzen, im Gegenteil, des ehemaligen Staatsanwalts zur Schau getragene Jovialität wirkte unheimlich, und während der neuen Konferenz im Palais-Rose legte sich das ihm entgegengebrachte Mißtrauen – denn man nahm an, daß er die Kunst des Abtretens und Neinsagens von seinem Meister gelernt habe – nur ganz allmählich, als von Woche zu Woche über ihn nichts anderes zu berichten war, als daß er die Sitzungen in der avenue Malakoff immer gleichzeitig mit den anderen Außenministern verließ. Nur einige wenige katastrophendurstige Journalisten, unverbesserliche Liebhaber dramatischer Szenenschlüsse, lauerten Tag für Tag vor dem Konferenz-Palais, um nur ja zugegen zu sein, wenn der von ihnen erwartete jähe Abgang Wyschinskis stattfinden würde. Diese sollten denn auch, freilich nur während ein paar Stunden, über ihre optimistischen Kollegen triumphieren, denn in der Tat entstand am 14. Juni des Nachmittags kurz nach Beginn einer Vollsitzung der Vier, Bewegung im Hof. Ein Beamter war aufgeregt aus dem Palais auf den Perron gekommen und hatte Wyschinskis Zis als einzigen Ministerwagen vorfahren lassen. Gleich darauf erschien die Exzellenz ohne Hut, mit offenbar äußerst unzufriedenem Gesicht, stieg ein und fuhr ohne die übliche ihm Rang- und Sicherheitshalber zustehende Eskorte von Motorradfahrern, in dem üblichen Diplomatentempo, ab. Sofort schwirrten Gerüchte über den Abbruch der Verhandlungen, von sensationstüchtigen Reportern an Ort und Stelle ungeprüft in den Draht gegeben durch die Stadt. Doch schon vor dem Abendessen erfuhr man, daß Wyschinski keineswegs grollend in die Sowjetbotschaft zurückgekehrt war, sondern, daß er sich nach Longchamp hatte bringen lassen, um sich in dem so zivilisierten von Menschenhand angelegten Wäldchen dieses Ortes auf gepflegten Pfaden zu ergehen, wo man niemals einen Bären trifft.

Die Gerüchtemacher waren vollends beschämt, als die Herren Acheson, Bevin und Schuman sich am gleichen Abend befleißigten, der aufatmenden Welt mitzuteilen, wie reizend und rücksichtsvoll der russische Kollege an diesem Tage gewesen war. Er hatte sie alleingelassen, damit sie sich im tri-tete beraten konnten.