Von Josef Marein

Seit berichtet wurde, daß Thomas Mann östlich und westlich des Eisernen Vorhangs als Goethe-Preisträger des Jubiläumsjahres 1949 zu betrachten sei, ist – nicht nur in literarischen Kreisen – des Staunens kein Ende. Ein Amerikaner erhält den doppelten deutschen Goethe-Preis! Ein Literat, der zwar viel über Goethe schrieb („Lotte in Weimar“), aber dabei ebensoviel gegen Goethe wie für Goethe ausgesagt hat! Ein Autor, der als politischer Prophet zeit seines Lebens in der Öffentlichkeit nacheinander alle möglichen und viele unmöglichen Standpunkte und auch Gegen-Standpunkte eingenommen hat! Wie also muß ein moderner Poeta laureatus beschaffen sein, damit er im westlichen wie im östlichen Deutschland die gleiche hohe offizielle Geltung genieße? Er selbst hat darüber Auskunft gegeben. Er tat dies in einem Buch, das er „Roman eines Romans“ nannte, betitelt „Die Entstehung des Doktor Faustus“ (Suhrkamp Verlag als Lizenzausgabe des Bermann-Fischer Verlags). Er hat also seinem ebenso hochgerühmten wie umstrittenen „Doktor-Faustus“-Roman eine Nachrede gehalten, die ihrerseits eine Nachrede verdient...

Oh, dies Buch mit seinen 204 Seiten ist nicht nur eine Interpretation, sondern eine Selbstbiographie, mehr noch – eine Selbstbespiegelung. Es vermittelt mit schöner Offenheit intime Einblicke in die Persönlichkeit eines großen Schriftstellers und in die Art seines Schaffens. Was seine politische Meinung betrifft, so findet man gleich, daß der zukünftige Träger des östlichen Goethe-Preises bewundernd über Maxim Litwinow schrieb, den er Anno 1942 bei einem Empfang sah, wobei er Gelegenheit hatte, dem sowjetischen Botschafter seine „Bewunderung auszudrücken“. Immer sei er der einzige gewesen, der die Dinge bei ihrem rechten Namen genannt, der Wahrheit – leider vergeblich – zum Wort verholfen habe...

Bei dieser Nachrede einer Nachrede ist man gezwungen, eine Phrase anzuwenden –: die nämlich, daß man dem Buche Thomas Manns weiteste Verbreitung wünschen möchte. Denn dieser „Roman eines Romans“ beseitigt alle Zweifel, die dem wohlmeinenden und dem übelmeinenden Leser des „Faustus“-Buches etwa nach der Lektüre geblieben sein mögen. Thomas Mann interpretiert fast jegliche Einzelheit selbst, und zwar sehr dezidiert und in höchst authentischer Weise. Er meint bekanntlich, die Schicksalsfigur der Deutschen, dieser Doktor Faustus, müsse Musiker sein, denn Musik sei die Sprache der Deutschen. Und er meint, Musik sei eine zutiefst dämonische, untergründige, zwiespältige Sache. (Er meint dies mit solcher Sicherheit, daß man einen Moment lang glaubt, nur Wagner hätte unter den Deutschen gelebt, nie aber Bach, Mozart, Haydn mit ihrer reinen, oft mathematischen Klarheit –: sie haben nie gelebt, und ihre Partituren sind bloße Sage. Man weiß, daß viele deutschen Musiker dem Dichter Thomas Mann diese Musikdeutung, die den Kern des ,,Faustus“-Romans ausmacht, sehr übelnehmen.)

Thomas Mann ist ein gründlicher Tagebuch- und Notizenschreiber. So weist er Seite für Seite nach, wie und wann es ihm geschah, daß er sich mit einem alten Dr.-Faustus-Plan aus dem Jahre 1901 wieder beschäftigen mußte. Nur zögernd, oft innerlich gehemmt machte er sich ans große Werk und betrieb gründliche Vorstudien, wobei er gleich zu Anfang auf die Briefe von Hugo Wolf stieß. Was ihn dabei vor allem interessierte, war die Tatsache, daß dieser Musiker sich eine Geschlechtskrankheit geholt hatte, in deren Verlauf er schließlich wahnsinnig wurde. War es Nietzsche nicht ebenso ergangen? Und war Nietzsche nicht ebenfalls ein Mensch gewesen, dessen Leben durch die Musik bestimmt wurde? Musik, Genialität und Geschlechtskrankheit – welch ein Dreiklang, welche Deutungsmöglichkeiten! So wurde der „Dr. Faustus“ zugleich ein Teufels-, ein Nietzsche- und ein Musik-Buch. „Ein Musik-Roman? Ja, aber er war als Kultur- und Epochen-Roman gedacht“, notiert Thomas Mann.

Die Sorgfalt, mit der er Material sammelte, war enorm. Traf er Schönberg (den großen Meister, ja den eigentlichen Schöpfer moderner Musik, der sich nachher so entrüstet zeigte), so holte Mann ihn gleich über Musik und Komponistendasein aus. Aber es war ein anderer, der Thomas Mann besser unterweisen konnte: Dr. Wiesengrund-Adorno, der sich in jungen Jahren schon – und zwar vor 1933 – einen Namen als Musikästhet gemacht und der Deutschland verlassen hatte. Er übergab Mann ein Manuskript „Zur Philosophie der modernen Musik“, ein höchst problematisches Manuskript, wie man annehmen darf. Der Dichter las es und notierte einen Satz, der zur Erläuterung seines Schaffens sehr wichtig ist: „Ich entdeckte in mir, oder fand in mir wieder als etwas längst Vertrautes, eine unbedenkliche Bereitschaft zur Aneignung dessen, was ich als mein Eigen empfinde...“ (Und das ist es ja, was Schönberg übelnahm: die „unbedenkliche Bereitschaft zur Aneignung...“)

Während der Arbeit am „Faustus“ war Thomas Mann ununterbrochen mit Sorgen und Gedanken um Deutschlands Schicksal beschäftigt. Er beschreibt, wie er seine Rundfunkansprachen hielt und wie die „Free Germany“-Bewegung ihm nahelegte, er möge sich nach Hitlers Zusammenbruch an die Spitze Deutschlands stellen. Aber –: „Der Gedanke, eines Tages in das verfremdete Deutschland ... zurückzukehren und dort womöglich, gegen Natur und Beruf, eine politische Rolle zu spielen, war mir in der Seele fremd.“ Dabei geschieht es Thomas Mann, daß er immer wieder Termine von geschichtlicher Bedeutung mit Daten seines eigenen Lebens in Zusammenhang bringt. Als er die Nachricht von der Invasion der Alliierten erhielt, erschien es ihm eine „sinnvolle Fügung“, daß es gerade sein Geburtstag, der 6. Juni, war. Auch hier offenbar die „unbedenkliche Bereitschaft zur Aneignung“. Und so findet sich denn auch eine andere bemerkenswerte Parenthese: „Im Ohr die hysterischen Deklamationen der deutschen Ansager ... schrieb ich die Seiten über die Hölle, die wohl die eindringlichste Episode des Kapitels sind, – nicht denkbar übrigens ohne die innere Erfahrung des Gestapokellers –, und die ich zur Vorlesung immer heranzog...“ Welch hintergründiger Zufall: Der Emigrant Thomas Mann spricht von „innerer Erfahrung des Gestapokellers“, während sein späterer Gegner Frank Thieß, der in Deutschland Gebliebene, von „Innerer Emigration“ sprechen sollte. Übrigens war Frank Thieß nicht der erste, der Thomas Mann wegen seiner persönlichen und – politischen Stellungnahme deutschen Zukunftsproblemen gegenüber kritisierte. Thomas Mann notiert aus den letzten Tagen des Krieges, daß die New Yorker sozialdemokratische „Volkszeitung“ allerlei „rüde Angriffe auf mein Gefühl, meine Haltung begann, die dann, geführt von noch plumperen Federn, sekundiert und geschürt leider von Alfred Döblin, von Zeit zu Zeit wieder auflebten“. Inzwischen wurde sein „Faustus“-Buch beendet; Hitlers Reich war erledigt und vorüber; deutsche Autoren, an ihrer Spitze Frank Thieß, suchten, zunächst hoffnungsvoll, Verbindung mit Thomas Mann. „Nun war“, so schreibt dieser, „über den Ofenhockern der Ofen zusammengebrochen, und sie rechneten es sich zu großem Verdienste an, ergingen sich in Beleidigungen gegen die, welche sich den Wind der Fremde hatten um die Nasen wehen lassen, und deren Teil so vielfach Elend und Untergang gewesen war.“ – Welche Mißverständnisse hüben und drüben! Wie falsch ist bei den Emigranten die Vorstellung über die Menschen der „Inneren Emigration“! Und wie falsch ist bei den Daheimgebliebenen die Vorstellung vom Leben der Emigranten! Sie haben alle Heimweh nach jenem Deutschland gehabt, wie es einst gewesen. Sie hatten (und haben) für das, was die Menschen in Deutschland ertragen mußten und für das, was sie noch immer ertragen, wenig Verständnis und können es vielleicht nicht haben.