Wie Vulkanausbrüche von Zeit zu Zeit Zeugnis geben von dem Brodeln und Arbeiten flüssiger Massen unter der erstarrten Erdrinde, so zeigen soziale und politische Unruhen an, wieweit unter der Oberfläche wirtschaftlichen Wohlergehens und staatlicher Ordnung Gefahrenherde sozialer Spannungen vorhanden sind. Die Unruhen Anfang Juni im bolivianischen Zinngebiet waren eine deutliche Warnung, daß die Befriedung Südamerikas durch eine fast überall durchgeführte Unterdrückung der Kommunistischen Partei auf schwanken Füßen steht.

Der Präsident Boliviens, Hertzog, ist krank. In seiner Abwesenheit führt der Vizepräsident, Urriolagoitia, die Regierungsgeschäfte. Er wußte, daß seine Gegner sich bemühten, ihn mit Gewalt zu stürzen, und so ließ er die maßgebenden Führer der Opposition im Flugzeug oder mit der Eisenbahn über die Grenze ins Ausland bringen. Anscheinend haben sich daraufhin seine Feinde entschlossen, sofort loszuschlagen. In den Zinngebieten von Catavi stürmten die Arbeiter die Bergwerke, legten nicht nur die Arbeit still, sondern schleppten verschiedene Ingenieure, darunter viele Ausländer, als Geiseln in die Gewerkschaftshäuser. Dort sind einige von ihnen in brutaler Form getötet worden. Als Truppen eingesetzt wurden, teils um die Geiseln zu befreien, teils um die Fabriken zu räumen, wichen die geschulten Bergarbeiter dem Kampf nicht aus. Sie nahmen die ihnen vertrauten Dynamitpatronen, die sonst für die Sprengungen in den Bergwerken benutzt werden, und gingen die bewaffneten Soldaten mit wilder Entschlossenheit an. Die Eisenbahner schlossen sich ihren Kameraden von den Bergwerken an, in La Paz erklärten die Industriearbeiter den Generalstreik, und es konnte einen Augenblick so aussehen, als stünde der indianische Arbeiter auf, um wie in den Zeiten der großen Inka-Aufstände sich gegen das Joch des weißen Mannes zu erheben.

Vergessen wir nicht: 60 v. H. der Bevölkerung Boliviens sind heute noch reinrassige Indianer, 30 v. H. sind Mischlinge, bei denen das indianische Blut weit überwiegt, und nur ein Zehntel ist mehr oder minder weiß. Aber dieses Zehntel regiert fast unumschränkt in diesen! Lande, von dem Humboldt einst sagte, daß es ein Silbermantel um die Schultern eines Bettlers sei. Von diesen Weißen besitzt wiederum ein verschwindender Bruchteil so gut wie alle Reichtümer Boliviens. Das Zinn, das 80 v. H. der Ausfuhr stellt, gehört drei Männern, dem Zinnkönig Patino, der ganz nach Nordamerika neigt, dann Aramayo. der Verbindungen nach England unterhält, und schließlich Mauricio Hochschild, der früher gern Beziehungen nach Argentinien pflegte. Diese drei Männer und die hinter ihnen stehenden Kapitalgruppen verfügen damit über den ganzen mineralischen Reichtum des Landes, das sonst überwiegend aus hartem, unfruchtbarem Stein besteht. Dagegen lehnen sich zwei Gruppen auf, die Arheiter, die teilweise in schwindelnden Höhen von 3000 und 4000 Metern (höher als die Zugspitze) schwere körperliche Arbeit leisten müssen, und die Nationalisten, die ihrem Vaterlande das Eigentum an den Schätzen zurückgewinnen wollen, die die Natur ihm geschenkt hat. Die Regierung selbst stellt das bürgerliche Element des Landes dar. Aber gibt es ein Bürgertum im europäischen Sinn in Bolivien? Sind nicht bis zu einem gewissen Grade die Vorwürfe berechtigt, daß hinter dieser Regierung in erster Linie landfremde Kapitalinteressen stehen?

Die Vereinigten Staaten legen auf ihre Beziehung zu Bolivien einen besonderen Wert, denn in diesem Lande sehen sie die natürliche Reserve an Zinn; wenn der Bezug dieses wertvollen Metalls aus Indonesien abgeschnitten werden sollte. Boliviens Außenhandel wiederum ist völlig auf Nordamerika angewiesen, und deswegen wird seine Innenpolitik in hohem Maße von der Rücksicht auf Nordamerika bestimmt. Ein kommunistisches Bolivien wäre nur möglich mit starker Unterstützung durch die Sowjetunion. Das ist das Gespenst, das heute noch den Schlaf manches südamerikanischen Politikers stört.

Niemand allerdings glaubt an die Möglichkeit, daß die Russen mit bewaffneter Hand Südamerika erobern könnten. Viele fürchten jedoch, daß die Massen von unten her die alte Ordnung sprengen und die rote Fahne mit Hammer und Sichel aufpflanzen werden. In den ersten Junitagen kam es in Santiago de Chile zu einem bezeichnenden Zwischenfall. Als eine linksradikale Kundgebung wegen des Verbotes der Kommunistischen Partei und jeder kommunistischen Versammlung nicht genehmigt wurde, da griffen die Manifestanten die Gendarmerie an. Es zeigte sich, daß sie über Schußwaffen verfügten und nach einem vorbereiteten Plan vorgingen. Zahlreiche Verluste auch unter den Gendarmen waren die Folge. Niemand gibt sich der trügerischen Hoffnung hin, daß der Kommunismus tot sei, ja, daß er auch nur wesentlich an seiner Kraft verloren habe. Sobald sich weltpolitisch eine Möglichkeit ergäbe, sobald vor allem der politische und wirtschaftliche Druck von Nordamerika her aufhören sollte, würde der Kommunismus in ganz Südamerika wieder eine entscheidende Rolle spielen.