Einer gefährlichen Art des Vergessens zu begegnen, ist der Zweck, den sich der Autor der "Verschwörung" (Der 20. Juli) mit seinem Zeitstück gesetzt hat. Gerade dieser Zweck hätte freilich erfordert, daß irgendwie in dem Stück ersichtlich geworden wäre, daß die Ereignisse und Personen des 20. Juli die Widerstandsbewegung zwar am weitesten sichtbar gemacht haben, daß sie aber in dem Gesamtkomplex "Widerstand" nur von mehr oder minder episodischer Bedeu tung waren. Jedoch von diesem Gesichtspunkt abgesehen, gibt es natürlich eine Berechtigung, einen Teil für das Ganze zu nehmen, den eklatanten Fall als Beispiel.

Waker Erich Schäfer, der Augsburger Dramaturg, wollte kein Drama, keine Dichtustg schreiben. Vielleicht nur, weil er es nicht konnte. Aber was er wollte, das hat er gekonnt: eben ein Zeitstück, eine Reportage noch nicht lange zurückliegenden Geschehens. Und es spricht gewiß nicht gegen ihn, daß am Ende, der bewußten, unkünstlerischen Zwecksetzung zum Trotz, im Zuschauer doch ein tieferes Berührtsein nachschwingt, eine ethische Erhebung empfunden wird, wie sie heute manchem anspruchsvoller gedachten und gewollten "wirklichen" Drama nicht auszulösen gelingt.

Ohne tendenziöse Absicht, vielmehr aus der reinen Anschauung des dargestellten Berichtes wird hier zum Erlebnis, wie doch der Gegensatz zwischen den Gewalthabern und ihren Gegenspielern nicht nur ein politischer wärj sondern ein solcher der menschlichen Wertsubstanz. Dies darzutun bedurfte es wahrlich keiner willkürlichen Auf fasung des Gewesenen. Dieser vor Herrschsucht and Eitelkeit tobsüchtige SS H&uptling Eichmann (Herbert A. E. Böhme), der im kritischen Augenblick als erster verduften will, nach Klärung der Lage ebenso schnell wieder in alter Frische und Gesinnungsfestigkeit seih Inquisitionshandwerk aufnimmt, dieser subalterne "kleine Hitler" Kreisler, Gestapokommissar (Peter Schorn), der, als das Regime zu stürzen dfoht, sich eiligst bescheinigen lassen möchte, daß er stets nur "auf Befehl" gehandelt hat, um ebenlalls nach der "glücklichen Wendung" die alte Rolle unverändert weiterzuspielen — sie sind so wahr und echt wie der feige Spitzel Mauck (Helmut Feine), der gut funktionierende Obersturmbannführer Steinhardt (Hermann Lenschau), der durch "Nervenschwäche" zur Menschlichkeit bekehrte und dadurch zum "Verräter" gewordene SS Kriminalrat Dr. Sonn (Oscar Dimroth) und die typischen Charaktere der Gegenseite: der flberlegene, noble Graf Loy (Otto Graf), der aus anerzogener Gehorsamstreue wankelmütige General Frisch (Franz Schafheitlin), der saubere junge Major Haag (Werner. Dahms), die standhafte KZ Opfer Witwe Magda Hauff (Annemarie Schradiek) und der bieder anständige Arbeiter Siflke (Josef Sieber). Ulrich Erfurths Regie versteht es, gestützt auf eine vollkommen adaequate Rollenbesetzung, aufs beste, dem Infernobild dieser dreiaktigen Gestapoverhandlung eine seelische Gespanntheit zu geben, die das Quälende der allzu frischen Reminiszenzen in läuterndes Erleben menschlicher und unmenschlicher Möglichkeiten zu erheben vermag.

Das Premierenpublikutn der Hamburger Kammerspiele reagierte auf Werk und Wiedergabe mit lang anhaltendem stürmischem Beifall. W. A.