Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang...

Sie thronet in dem Herzen der Monarchen,

Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst,

Und Erdenmacht kommt göttlicher am nächsten,

Wenn Gnade bei dem Recht steht...

Shakespeare. Der Kaufmann von Venedig Seit dem Westfälischen Frieden war es in Europa eine wohlbeachtete Sitte geworden, Amnestieklauseln für im Kriege begangene Verbrechen in die Friedensverträge aufzunehmen. Es war den Staatsmännern früherer Zeiten viel zu wichtig, die Atmosphäre zu entgiften, zwischen den Völkern also jene Grundlage des Vertrauens wiederherzustellen, auf der allein ein echter Friede gedeihen kann, als daß sie auf einer Söhne bestanden hätten, die doch unvollkommen hätte bleiben müssen. Und so wird es immer sein. Man wird immer nur einen geringen Teil der Verbrecher nach dem Gesetz des Zufalls auswählen können, und die meisten Verbrechen werden unbestraft bleiben. Wir haben – vier Jahre nach der Kapitulation – noch immer beißen Frieden. Aber sollen wir deshalb, ohne unsere Schuld, um diesen schönen Akt der Gnade gebracht werden? Demnächst wird mit Zustimmung der Westmächte von dem ersten deutschen Bundestag eine erste deutsche Regierung gewählt werden. Das ist das sichtbare Zeichen, daß wieder Friede sein soll zwischen uns und unseren ehe-, maligen Feinden. Die punitive period, die Sühnezeit, die nach dem Beschluß der Alliierten dem deutschen Volk auferlegt, worden war, sei nunmehr zu Ende, sagte kürzlich General Clay. Ist damit nicht der Augenblick gekommen, da Gnade neben das Recht treten sollte?

Die politische Zukunft des neuen deutschen Bundesstaates ist mit schweren Hypotheken belastet. Da ist die Zweiteilung Deutschlands, die Verstümmelung durch die Oder-Neiße-Linie, die Abtretung deutscher Gebiete im Westen, da sind 10 Millionen Vertriebene, von denen die meisten ihren neuen Wohnort nicht als Heimat betrachten. An Belastungen, die aus einer unglückseligen eigenen Politik erwachsen sind, kann – das hat die Weimarer Republik gezeigt – ein Staat leicht zugrunde gehen. Doch schlimmer noch ist es zweifellos, wenn das Prinzip, auf dem ein Staat aufgebaut ist, schon bei seiner Gründung verletzt und dadurch gefährdet wird. Es ist nicht möglich, einen Staat auf der Grundlage gleicher demokratischer Rechte zu errichten, wenn Hunderttausende seiner Bürger deklassiert sind, also nicht die gleichen Rechte genießen und nicht die gleichen Möglichkeiten haben. Und wenn in einem solchen Staate ferner viele Hunderte hinter Gittern und Stacheldraht sitzen wegen Handlungen, die bei anderen Völkern teils gar nicht, teils wesentlich geringer bestraft werden, dann wird sich bei seinen Bürgern leicht ein Gefühl der Minderwertigkeit einstellen, das jede Hoffnung auf eine friedliche Existenz im Kreise anderer Nationen zunichte machen könnte. Innen- und Außenpolitik des neuen Staates würden, so unheilbar vergiftet werden.