Von Wilhelm Lehmann

Zu Beginn des zerbrechenden, heute endgültig zerbrochenen Zeitalters schrieb Jacob Burckhardt 1870, wiewohl er, seinem Tage verhaftet, Emanuel Geibel für einen großen Lyriker hielt: „Was Dauerhaftes neu geschaffen werden soll, das kann nur entstehen durch eine ganz übermächtige Anstrengung der Poesie.“

„Das alte Wagnis des Gedichts“ nannte Oskar Loerke seine grundlegenden Bemerkungen über die Formprobleme der Lyrik, die er am 26. November 1928 an der Universität Berlin vortrug. Auf der Mauer des Märchenschlosses stecken die Köpfe der vielen Freier, die nicht leisten konnten, was die Königstochter ihnen aufgetragen hatte. Es gibt manche Forderungen, denen ein gutes Gedicht gerecht werden muß; man kann sie an den Fingern aufzählen. Aber werden sie auch erfüllt, zuletzt sinkt die Königstochter nicht dem Gerechten in den Arm, sondern dem Manne „mit dem Drachenblick und dem, dessen Mühe zur Mühelosigkeit gedieh.

Eine Geschichte des Dilettantismus im neueren Gedicht böte vier Aufschlüsse. Er verläuft gemäß den verschiedenen Etappen, etwa Gelbveigelein; Fabrikschlot und Kesselschmied; Whisky und Straßenecke; und heute der Mann in der Baracke. Er bleibt sich bei bloß zeitlicher Abweichung darin gleich, daß er nie entdeckt, sondern nachplappert. Geibel mochte das Wässerige seines Tages fühlen, da er den „Bildhauer des Hadrian“ sagen läßt: „Was schön wird, ist schon dagewesen, und nachgeahmt ist, was uns glückt.“ Wenn ich das Kratzen der Trommel, die Bauschutt mahlt, in Reime bringe, werde ich zur Stunde bestimmt gedruckt, und Kritik nennt sich heute das Geschrei derer, die Waldesrauschen und Nacht und Einsamkeit, für Gipsbegriffe erklären. Rilke, der Meister, hat manche Narren gezüchtet. Man duldet sie heute, weil sie stets von Gott reden.. Auch diejenige Lyrik, welcher die Dinge nicht wie Rilke die Welt ver-, sondern erstellen, machte Schule. Man schrieb die prallen Substantiva ihrer Stofflichkeit ungeniert ab. Eine ergötzliche Rolle spielt bei gewissen jungen Lyrikern der Kürbis als massiger Ausdruck des Daseins gegen die dünnen, vom Dasein nicht verunreinigten Engel Rilkes. Anders als den Jüngern des letzteren nimmt man dieser Art von Dichtern übel, daß sie sich an einheimische Naturprodukte halten und nicht an Mülleimer und unbewirtschaftetes Dattelmark.

Wer heute ein Gedicht wagt, darf sich keineswegs darauf verlassen, daß er schon ohne sein Zutun ein gebranntes Kind sei. Er muß sich siebenfach rüsten. Eine der empfindlichsten Stellen des Gedichts, geradezu der neuralgische Punkt, ist diejenige, an welcher Allgemeines und Individuelles, Geist und Natur eins werden müssen. Der Widerspruch als Siegel des Wahren gilt auch hier: je lokaler und persönlicher ein Gedicht ist, desto universaler und allräumlicher gilt es. Während diejenigen, die das Mienenspiel der Erde nachzeichnen, als Idylliker oft der Platitüde verfallen, geraten diejenigen, die mit Rilke meinen, es bleibe der Erde nichts übrig als unsichtbar zu werden, ins Schwärmerisch-Leere (Schiller signalisierte diese Gefahren der Gattungen.) Welch Mangel an Anschauung, wenn wir gerade bei solchen Heutigen, die sich rühmen, der Gegenwart ins Gesicht zu sehen, lesen müssen: „Ranken der Ewigkeit“, „weißer Marmor der Vergeblichkeit“, „mein Herz fühlt aus den Angeln sich gehoben“, „wenn nicht der Treffer aus dem Absoluten dich ganz verwandelt und verwirklicht hätte“, „da traf dich dieses unbegreiflich harte. nicht wiedergutzumachende Geschoß“. Andererseits verfällt die verwandelnde Darstellung des Sinnfälligen selbstmörderischer Bindermengerei: da werden Stimmen gehört, die sowohl süß wie Himbeersaft sind, als auch gerafftem Kraut gleichen. Eine aus der Gegend Theodor Däublers stammende Zeile wie die folgende stirbt an Übersättigung und dem Unverkochtsein von Abstraktem und Konkretem: „Die Ströme des Himmels landeten in den Ufern der Ackernsagen. Der Urblick des Seligen leuchtete blitzend über dem mythenhohen Sommerasyl.“ Wie selten glückt dieBerührung der Pole. Dann aber springt der Funke. Dann spaltet ein Gewitter die abgestandene Luft und nährt mit Ozon. In solchem Zusammenhang sei auf die Verse Hans H. Königs hingewiesen. („Die Lichtung“, Gedichte, Aldus Verlag, Diez an der Lahn.) Da wir so beflissen sind, das Schlimme zu bemerken, als rechte Unglückskonjunkturisten, als eifrige Schüler Nietzsches, der das Schönsehen verdammte, entdeckt Hans H. König, daß auf dem Schutt der zerstörten Wohnung ein Forsythienstrauch siedelt. Das Genie der Natur arbeitet weiter; nur eine andere Vogelwelt, Rotkehlchen und Steinschmätzer, nistet in den Trümmern gewesener Großstädte,. Das Gedicht Hans H. Königs kräftigt als frischer Blick und wärmt als Geheimnis. Es hält mit Goethe die fünf Sinne für vertrauenswürdig und errichtet ihnen seinen schönen „Dankaltar“. Sicher Empfundenes gewinnt Form, Trauer und Klage werden Gestalt. Und Gestalt ist immer heiter. Da wir alles verloren haben, müssen wir alles wiedergewinnen. Diese genauen Gedichte nähern uns dem neuen, alten Sinn des Daseins. Die Königstochter, die auch die Prinzessin auf der Erbse ist, lächelt dem Dichter zu, da er spricht: „Du siehst das Vogelvolk, das Körner pickt, bei jedem Schritt ein stummes Jawort nicht, ein Ja, das auch die Wagendeichsel knarrt ein Ja zum Dasein und zu: Gegenwart.“