In Buenos Aires laufen die verschiedensten Gerüchte um. Am eifrigsten verbreitet werden die Meldungen, daß es in absehbarer Zeit doch zu der großen Dollaranleihe in Amerika kommen werde. Dann wird das Land wieder in Dollars schwimmen, dann kann wieder lustig eingeführt werden, und dann kann das Leben im alten Stile weitergehen. Die Wirtschaftler stecken die Köpfe zusammen und überlegen, wie sie am besten die neue Konjunktur ausnützen können.

Die Politiker hingegen fragen, an welche Bedingungen wohl eine größere Kreditgewährung geknüpft werden wird. Eine Anleihe ist schon seit vielen Jahren keine wirtschaftliche Angelegenheit mehr, sondern eine politische. Sie wird nicht gegeben, um vorhandene Möglichkeiten auszuschöpfen, sondern um bestimmte Ziele zu erreichen. Selbst wenn diese rein wirtschaftlich sein sollten, so bestimmt doch die Politik die Kredithergabe. Nicht Private geben Gelder, weil sie diese im weiten Argentinien sicher angelegt glauben oder weil sie sich hohe Erträge versprechen, sondern der Staat, weil er einen bestimmten Einfluß gewinnen will.

„Solange wir die gegenwärtige Regierung haben“, sagt mir ein kluger Beobachter, „werden die Nordamerikaner kein Geld nach Argentinien legen.“ Er war anscheinend kein Freund des herrschenden Regimes. „Der nordamerikanisch“ Botschafter tut alles, um die Anleihe zustand“ zu bringen“, sagt ein anderer, der sonst gut informiert ist. „Peron fängt an, nachzugeben. Er wird die amerikanischen Bedingungen schlucken“, sagt ein dritter. „Wir Argentinier brauchen keinen Kredit. Wir können ruhig abwarten, denn die Welt kommt ohne unser Fleisch, ohne unseren Weizen und ohne unser Leinöl nicht aus“, beruhigt mich ein vierter. „Die Verhandlungen mit England sind abgeschlossen“, erklärt schließlich ein fünfter. „Damit bekommen wir einen ausreichenden Spielraum, um die Verhandlungen mit Nordamerika sehr viel abwartender führen zu können als bisher.“

Fassen wir die verschiedenen Äußerungen zusammen, so ergibt sich übereinstimmend eines, daß nämlich Argentinien einen neuen Weg sucht und noch nicht weiß, wohin es gehen soll. Das spiegelt sich nicht nur in der Außenpolitik, sondern ebenso, vielleicht in noch höherem Maße in der Innenpolitik wider. Das Ausland spricht gern von einem Faschismus am Rio de la Plata. Gewiß gibt es viel äußerliche Vergleichspunkte. In jeder Dienststube hängt ein Bild des Staatspräsidenten, von mancher Häuserwand ruft uns eine Inschrift „Viva Peron“ entgegen, was wir unwillkürlich mit „Heil Peron“ übersetzen. Überraschend ist für uns, daß daneben das Bild von Frau Peron seinen Platz hat, und daß „Evita“ in den Inschriften fast die gleiche Bedeutung einnimmt wie ihr Mann. Es gibt manchen Argentinier, der uns erzählt, daß ihr persönlicher Einfluß größer ist als der des Präsidenten, aber dann fügt er hinzu, daß seit einigen Monaten auch hierin ein Wandel eingetreten sei.

Es erregte Aufsehen, daß Peron im Mai den Oberst Gonzales in die Verwaltung zurückholte und ihm den wichtigen Posten eines Direktors des Einwanderungswesens anvertaute. Gonzales ist der Vertreter eines großen Teiles des Heers. Seit einiger Zeit stand er abseits vom öffentlichen Leben, ausgeschlossen von jedem politischen Einfluß. Warum ist er jetzt zurückgeholt worden? Verständlicherweise liefen sofort Gerüchte um. Es wurde behauptet, Peron suche die Unterstützung der Armee, andere, sagen, er wolle eine stärkere Unterstützung von selten der ehemaligen Gruppen der Nationalisten, die ebenfalls in den letzten Jahren fast völlig ausgeschaltet waren. Andere Beobachter wollen wissen, daß die katholische Kirche hinter den Kulissen auf einer Wandlung der argentinischen Innenpolitik bestehe. Auch hier können wir niemals feste Tatsachen greifen. Am La Plata wird mit Nuancen gearbeitet, mit etwas mehr oder etwas weniger Herzlichkeit, mit Andeutungen und leisen Hinweisen, die erst in Wochen und Monaten zu sichtbaren Ergebnissen führen. Es heißt, daß die Damen der Aristokratie gegen die Frau des Präsidenten sind, die aus anderen als aus ihren Kreisen stammt und die heute überall im Vordergrund steht und die Öffentlichkeit beherrscht. Auch hier sind Worte und Anspielungen gefährlicher als offene Auflehnung, weil es nicht möglich ist, diesen Widerstand mit Hilfe von Polizei und willkürlichen Verhaftungen zu bekämpfen.

Nach außen ist kaum etwas von inneren Schwankungen und Zweifeln zu spüren, Ton denen die gut informierten Auguren berichten. Wo der Präsident und seine Frau oder, wie erst kürzlich bei einer feierlichen Einweihung einer sozialen Einrichtung, seine Frau allein in der Öffentlichkeit erscheinen; braust ihnen stürmischer Beifall entgegen. Doch wer will daraus Schlüsse ziehen, ob die Zweifel über die Stärke des argentinischen Regimes berechtigt sind oder nicht!