Während des Gesprächs beobachte ich die Frau: Die straffen Linien ihrer etwas fälligen Figur, das Oval des Gesichts mit den verschwommenen Linien und die warm lächelnden Augen sind anziehend, und ihr ganzes Wesen scheint von Zartheit und Güte erfüllt zu sein. Doch gleichzeitig bewahrt sie eine selbstsichere und würdevolle Haltung, als ob sie sich ihres Wertes bewußt ist. Habe ich diese Züge nicht bei vielen anderen unserer Frauen erlebt?

Beim Herausgehen beichtet Wassjukow: „Eine prachtvolle Frau! Warum habe ich sie verlassen, ich blöder Kerl! Sie ist meine Landsmännin, wir stammen aus dem gleichen Dorf. Ihre Familie hatte eine große Bauernwirtschaft, dann wurde sie enteignet und irgendwohin nach dem Gouvernement Archangel verschickt – Kulaken! Der alte Vater und alle Brüder sind dort umgekommen, sie aber hat die schweren Jahre überlebt, ist schließlich geflohen und hauste zwei Jahre lang im Walde. Zufällig traf ich sie dann in Moskau: sie war gerade angekommen – ohne eine, Kopeke Geld, ohne jede Dokumente. Mit Mühe und Not habe ich sie bei einer Behörde untergebracht, und seit der Zeit lebt sie hier. Und du hast-es gesehen: nichts hat sie umgeworfen! Eine vorzügliche Person. Kein Mensch würde sagen, daß sie ein ganz einfaches Bauernmädel war; hat sich sogar eine gewisse Bildung angeeignet, das Benehmen tadellos abgefeilt, und so etwas wurde ins Konzentrationslager zur Umerziehung gesteckt! Und wir haben doch Millionen von Frauen dieser kernigen Art!“

Mit Rauchwaren waren wir versorgt. Schlimmer stand es mit Lebensmitteln. Nur Brot ist zu haben. Nach langer Lauferei gelingt es uns, im Laden „Sojusryba“ Kaviar aufzutreiben, hundert Rubel für das Kilo! Verteufelt teuer ist das, aber unterwegs muß man ja schließlich etwas zum Essen haben, und mit dem Gelde brauchen wir jetzt nicht zu knausern. Wir nehmen also jeder drei Kilo, beladen uns mit Broten, Wassjukow steckt in jede Tasche seines Pelzes zwei große Flaschen Wodka ein. Und jetzt zum Bahnhof. Evakuierungsbefehl ...

Zwischen Koffern und Körben

Aber am Bahnhof – welch peinliche Überraschung! Wir werden warten müssen, lange warten! Es stellt sich heraus, daß unsere Behörde eine Unterkunft im Kellergewölbe des Zollamtes. ausfindig gemacht hat. Lob und Ehre unserem Vorsteher Gorunoff! Er hat eine fieberhafte Tätigkeit entwickelt und für uns einen völlig sicheren und ruhigen Aufenthaltsort erobert. Zwar haben wir eher den Eindruck, daß es ihm weniger um unser Wohl, als um die Erfüllung der Wünsche seiner gestrengen Frau Gemahlin zu tun ist, einer vollbusigen, anspruchsvollen und launischen Frau, die in ihrem Äußeren durchaus nicht proletarisch aussieht und mit unserem hohen Vorgesetzten umspringt wie mit einem Hausdiener. Im gemeinsamen Raum, in dem wir auf unseren Abtransport warten, kann nichts verborgen bleiben; alles wird offenbar wie auf der Handfläche.

Unter dem niedrigen Gewölbe haben sich die einzelnen Familiengruppen häuslich eingerichtet. Es sind mehr Gepäckstücke als Menschen vorhanden. Neben jeder Gruppe-sind Berge von Säcken, Koffern, Ballen und Körben aufgetürmt. Der Leiter des Trusts hat alle übertrumpft. Er und seine Familie sind hinter einem Hügel von Hausrat verborgen. Nur Wassjukow und ich besitzen lediglich einen Rucksack und unsere Aktenmappe. Ich breite in einer Ecke meinen Wintermantel aus, Wassjukow seinen Pelz und halbliegend beobachten wir, wie das Leben sich nun darstellt: die Leute bauen aus Koffern und Säcken Lagerstätten zusammen. Es klappern Kasserollen und Teekannen; alles bereitet sich zur Abendmahlzeit vor, und Wassjukow seufzt:

„Und dieser Verein soll Moskau, Rußland verteidigen? Die denken doch bloß daran, ihre Klamotten in Sicherheit zu bringen; Sieh mal: sogar Nachttöpfe schleppen sie nach Sibirien mit. Ach, das Leben ist ohne Zweifel recht traurig; darum wollen wir bei einem Schnäpschen und Kaviarbrötchen Trost suchen ...“ Sorgfältig, als ob es sich um ein neugeborenes Kind handelt, hebt er aus der Aktentasche eine Flasche heraus, während! ich die Sakuska bereite, dann stülpt er drei Glas. Wodka hintereinander herunter und rezitiert: „Das erste wie ein Keil, das zweite wie ein Beil, das dritte wie lauter Nachtigallen.“