Drei Tage hausen wir bereits im Gewölbe des Zollamtes. Gorunoff und die anderen fahren täglich einigemal nach Hause und bringen weitere Gepäckstücke mit. Alle sind nur von einer Sorge erfüllt –: soviel wie möglich vom Eigentum zu retten und so schnell, wie es irgend geht, aus Moskau zu fliehen. Keiner denkt daran, seine Kräfte zur Verteidigung des Landes zu opfern. Die vor wenigen Wochen allmächtigen Parteimitglieder schleichen bescheiden und wortkarg zwischen den übrigen Kollegen umher. Die ganze Faulheit der „führenden bolschewistischen Schicht“ wird offenbar.

Ich bin mit Wassjukow bemüht, die Zeit totzuschlagen. Unsere Vorstöße in die Stadt tragen nun den Charakter von gefährlichen Ausflügen, und es scheint uns, als ob wir die Stadt bereits verlassen hätten und als auswärtige Besucher durch die Straßen wandelten.

Die Panikstimmung in Moskau hat sich merklich vermindert. Die Gruppen von nervösen Menschen, die in den ersten Tagen das panikartige Durcheinander auf den Straßen beobachteten und anscheinend nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, mit Eisenstangen und Wagendeichseln alles kurz und klein zu schlagen, sind verschwunden. Nun begannen die stürmischen Wogen sich wieder zu glätten. Die Werkstätten und Fabriken arbeiteten noch immer nicht, die Arbeiterschaft weigerte sich nach wie vor, Moskau zu verlassen, war aber auch nicht mehr in den Straßen anzutreffen. Die Verkehrspolizisten standen von neuem auf ihren Posten. Obwohl Molotow wieder einigemal die „Engpässe“ der Evakuierung auf dem Kasanschen Bahnhof persönlich „liquidierte“ und die nervöse Planlosigkeit beim Abtransport weiter anhielt, war die hohe Welle der Flucht verebbt.

„Verdammte rote Bourgeoisie“

Die Bedrohung durch die Deutschen aber bestand noch immer. Ein wildes Gerücht jagte das andere. Aber auch ohne Berücksichtigung der oft sinnlosen Parolen war die katastrophale Lage allen klar. Am späten Abend erreicht uns die Anordnung zur Abfahrt. Wir begeben uns auf den kaum erleuchteten Bahnsteig des Kasanschen Bahnhofes. Vor uns sind die Waggons einer Akademie einrangiert, dahinter diejenigen des Volkskommissariats für Flußschiffahrt, und hinter uns befindet sich der Transport irgendeiner großen Theatergesellschaft. Die Abteile sind für je acht Menschen bestimmt, das umfangreiche Gepäck auf dem Bahnsteig hemmt jedoch jede Bewegungsfreiheit; es ist fast unmöglich, durchzukommen und einzusteigen.

Kisten sind aufgetürmt, Küchengerät aller Art, und vor allen Dingen scheinen Kochkessel mit Bügeln eine Kostbarkeit zu bilden, von der sich die Auswanderer nicht trennen können. Voller Wut tritt Wassjukow im Vorbeigehen mit dem Fuß gegen diese Kessel. Ein prächtiges Läuten ...

Da wir unbeschwert von Traglasten sind, gelingt es uns, schnell den Zug zu besteigen und zwei gute Eckplätze zu belegen, aber bald werden wir von Neuankömmlingen unter einem Berg von Bündeln, Ballen, Koffern und Kissen fast begraben – man kann kaum atmen. Wassjukow flucht in allen Tonarten, die Nachbarn bleiben ihm nichts schuldig, es herrscht in unserem Abteil eine überaus. „herzliche“ Stimmung, und mein Freund leistet mir flüsternd ein Gelübde: „Warte nur ab, sobald ich nach der Abfahrt etwas getrunken habe, werde ich diesem Pack das ganze Gebäude bis auf den Grund einreißen ... diese verdammte rote Bourgeoisie!“