In tiefer Nacht kommt der Zug in Bewegung. Die schmalen Lichtschlitze der verdunkelten Signale huschen vorüber, und tintenschwarze Dunkelheit nimmt uns auf. Indem ich mich vergeblich bemühe, hinter dem Fester etwas Gegenständliches zu erspähen, bilde ich mir ein, daß mir die letzten Tage meines Aufenthaltes in Moskau in Zukunft ebenso gegenstandslos und undurchsichtig erscheinen werden.

Der Zug fährt langsam, als ob er Mühe hätte, in die Dunkelheit einzudringen. Plötzlich hört das gleichmäßige Rattern der Räder auf, die Bremsen knirschen, der Zug steht lange still, und wir lauschen. Die schweren Atemzüge der Nachbarn im Abteil werden vom Surren eines hoch in den Lüften kreisenden Fliegers übertönt.

Das Surren hört auf, und wir kriechen weiter. Weit vor uns flackern rote Feuerstellen. Im Felde lodern Dutzende kleiner Feuer. Die grellroten Flammenschwänze winden sich erregt im Sturm, breiten sich/über den Erdboden aus. Wer könnte in dieser Einsamkeit hier Feuer angelegt haben? War es ein deutscher Flieger, der seine Brandfackeln abwarf, die noch nicht erloschen sind? Der Zug geht vorüber, und ich blicke aus dem Fenster zurück: in schwarzer Finsternis tänzeln die Flammen ... „Sei nicht traurig, Gevatter“, sagt Wassjukow gedämpft, und in seiner Stimme klingt ein neuer, trauriger Ton: „Mit Tränen und Klagen können wir das Schicksal doch nicht rühren... Komm, nimm einen Schluck...!“

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Moskau wurde weder im Oktober noch später von den Deutschen erobert. Die nur mit Sommerkleidung ausgestattete deutsche Armee war in keiner Weise für den Winterfeldzug vorbereitet; Soldaten erfroren, Panzer und Motoren erstarrten, die Geschütze versagten. Entscheidender aber war –: Die Nachrichten über die grauenvollen Zustände in den innerhalb der besetzten Gebiete gelegenen Kriegsgefangenenlagern, über die unmenschliche Behandlung der Überläufer und über das Verhalten der nazistischen Verwaltungsbehörden gegenüber der einheimischen Bevölkerung verbreiteten sich mit Windeseile an der gesamten russischen Front; sie überzeugten jeden, daß es Hitler nicht auf die Befreiung des russischen Volkes vom Joch des Bolschewismus ankam, sondern daß er andere Ziele im Auge hatte. Diese Gewißheit schaffte aus einem gleichgültigen, seiner Regierung feindlich gesinnten Haufen eine schlagkräftige, mit dem Mut der Verzweiflung, kämpfende Armee...