Die moderne Veredlung und Ausrüstung von Geweben hat – nicht zuletzt durch die außerordentliche Entwicklung der Fotochemie – einen Grad erreicht, der es gestattet, Stoffen der verschiedensten Herkunft Ansehnlichkeit, Farbschönheit und „Griff“ zu verleihen. Es gibt heute Baumwollgewebe, die der Laie kaum von der Seide, und Zellwollstoffe, die er kaum von „reiner“ Wolle unterscheiden kann. Dennoch ist für die Damenoberbekleidung Natur- und Kunstseide der Stoff geblieben, oder geworden, mit dessen Verwendung die Kunst, Frauen anzuziehen und zu schmücken, die schönsten Triumphe feiert, mögen Wolle und Baumwolle auch ihre jahreszeitlichen Rechte behaupten.

Die Seidengewebe, die heute die Textilindustrie der Bekleidungsindustrie und der Schneiderei liefert, sind im Lauf einer langen Geschichte entwickelt worden, in der Bedürfnis, Geschmack, und Mode ganze Industrien entstehen ließen, formten und wandelten. Heute hat die Industrie gelernt, kommende Moderichtungen vorauszuschaffen oder wenigstens zu treffen; denn der Weg von der Spindel, dem Webstuhl und dem Druckrouleaux bis zum Damenkleid ist lang, und ehe er angetreten werden kann, müssen. Farben und Muster disponiert, muß der gesamte Herstellungsprozeß festgelegt sein. Nur wenn die Textilwerke mit den Bekleidungsateliers und der Schneiderei zweckvoll zusammenarbeiten, blüht beiden der volle Erfolg.

Je stärker der Markt alles wirtschaftliche Tun reguliert, um so mehr erfordert der Wettbewerb die höchste Leistung jeder Stufe, aber auch deren Beschränkung auf den ihr organisch zukommenden Bereich. Deshalb wird die Textilindustrie, von einzelnen, sachlich begründeten Ausnahmen abgesehen, die Verarbeitung der Meterware wieder der Bekleidungsindustrie und dem Schneiderhandwerk überlassen und ihr Augenmerk’ ausschließlich darauf richten, ihr Endprodukt, das ausgerüstete Gewebe, an Qualität, Ansehnlichkeit und Preiswürdigkeit so hoch wie möglich zu stellen. Die in dieser Richtung erzielten Erfolge sind besonders bei der Kunstseide bereits beachtlich. Sie ist nach dem ersten Weltkrieg auf breiter Front in das Reich des „Königs Baumwolle“ eingebrochen; nach dem-zweiten hat sie diesen Siegeszug fortgesetzt, unterstützt von der Technik, die ihre Stoffe nicht nur immer mehr vervollkommnete, sondern ihr auch die vollsynthetischen Fasern, wie Nylon und Perlon, zur Verfügung stellte, deren Erfolgsweg eben erst beschritten ist. Und die Naturseide? Sie spielt mengenmäßig auf dem Weltmarkt und erst recht bei uns nur mehr eine geringe Rolle; aber es wäre falsch, ihre Bedeutung für die Damenbekleidung nur darnach einzuschätzen. Sie ist der edelste „Rohstoff“ der Haute Couture geblieben – und es ist eine alte Erfahrung, daß ihre Verwendung in deren Ateliers die Produktion der Kunstseide immer wieder anregt. Quantitativ insofern, als für die mittleren und unteren Stufen der Damenbekleidung die Haute Couture das Vorbild ist; deren Schöpfungen sie in der wohlfeileren Kunstseide nachbildet, und qualitativ dadurch, daß dabei eine möglichst nahe Anpassung des Materials an die Naturseide angestrebt wird. In der letzten Zeit zeichnen sich die Bestrebungen, die Naturseide international zu propagieren, deutlich ab; sie haben zum Beispiel, wie hier schon berichtet wurde, auf dem Züricher „Internationalen Seidenkongreß“ eine große Rolle gespielt.

Wie berechtigt es ist, von einem Siegeszug der Kunstseide zu sprechen, zeichnet sich in den Produktionzahlen der Kunstseide sehr deutlich ab. Das beste Beispiel bieten die USA, die 1920 nur 4000 t Kunstseide erzeugten, 1948 aber mehr als 500 000 t. Die deutschen Westzonen produzierten 1948 rund 35 000 t Kunstseide; seither ist die Erzeugung wesentlich gesteigert worden; im neuen Planjahr, das am 1. Juli beginnt, sollen insgesamt 150 000 t Kunstfaser produziert werden, und wenn dabei auch der größere Anteil auf die Zellwolle fällt, dürfte die Kunstseide doch einen Ausstoß von über 60 000 t erreichen. Diese Produktionssteigerung ist auch volkswirtschaftlich zu begrüßen; denn im Vergleich zu den ans Naturfasern bestehenden Geweben belastet das Rohmaterial, der Zellstoff, die Devisenbilanz nur wenig, wenn auch die Versorgung aus dem Inland infolge der Dezimierung unserer Wälder unzureichend bleiben muß.

Unterdessen hat die Qualität der Kunstseide in erfreulichem Maße gesteigert werden können. Die Webereien konnten ihre Garnlager bereinigen und reicher assortieren. Heute sind sie in der Lage, hohen Anforderungen der Bekleidungsindustrie zu genügen. Jeder Blick in die Schaufenster, jede Modenschau legt davon Zeugnis ab. Da tauchen die schönen glatten Gewebe, die Lavables, die Vielzahl der edlen Krepps auf; die Färbereien und Stoffdruckereien zeigen in der Musterung wie in den Farbstellungen Leistungen, die nicht nur im Inland anerkannt worden sind. Maßgebende Ausländer haben erklärt, daß die Kunstseiden-Veredlung in den deutschen Westzonen sich mit der des Auslandes durchaus messen kann. Die Textilindustrie hat das alles nicht nur aus sich geschaffen; sie erhielt den stärksten Antrieb durch den Bedarf der Endfertigung, von der die Bekleidungsindustrie einen immer größeren Teil beansprucht. Wenn diese nun in Hamburg und in Düsseldorf, in Krefeld und in dem neuen Bekleidungszentrum Gelsenkirchen, in Frankfurt und in Stuttgart mit ihren Leistungen werbend vor ihre Abnehmer tritt, so wird mit dieser umfassenden Schau für das Textilschaffen Westdeutschlands und nicht zuletzt für die Seiden- und Kunstseidenindustrie ein eindrucksvolles Zeugnis abgelegt. H. Chr. Meyer