Von Karl N. Nicolaus

Ein Gentleman muß sich der Konvention beugen, sonst ist er nicht up to date. Und wenn er nicht up to date ist, dann ist er kein Gentleman. Es käme also einem Selbstmord gleich, wenn er nicht, wie alle Gentlemen der Welt, beim Jackett den mittelsten, sondern den untersten Knopf schlösse. Soviel ist an einem einzigen Knopf gelegen! Übrigens waren solche Trieb bisher das Wesentliche, was die Modegöttin den Männern beschert hatte. Endlich aber hat sie den Herren ihr Antlitz voll zugewandt. Ich höre: die Gentlemen dürfen etwas Besonderes tragen – ein mit Gemälden versehenes Hemd ...

Welche Möglichkeiten! Ich zum Beispiel gedenke, bunte Vögel in meinem Hemd nisten zu lassen. Wie wär’s mit einem Kranich? Doch gemach, da fällt mir rechtzeitig genug ein, daß der Kranich als ein anzügliches Symbol aufgefaßt werden könnte. „Le petite grue“ (der kleine Kranich) gehört zu den „fleurs de bétume“, zu den „Asphaltblumen“, die in keiner Weise geeignet sind, in so innige Beziehung zu der Wäsche eines Gentleman zu treten. Man könnte falsch verstanden werden, nicht wahr?

Vielleicht sollte man es mit Gräsern versuchen. Gräser sind freundlich, anschmiegsam und zärtlich, was bei Händen sehr wichtig ist. Gräser sind wohl auch neutral, während Blumen mir gefährlich erscheinen. Man denke etwa an die Eindeutigkeit, die dem „Vergißmeinnicht“ und der „letzten Rose“ eigen ist. Ich möchte dergleichen nicht auf meinem Hemde erblüht sehen.

Die Menschen haben immer gelacht über die Seeleute, die sich Bilder auf die Haut tätowieren ließen. Aber ist das Hemd nicht schließlich eine Vize-Haut. Die Damen vollbringen die Gemälde an sich selbst mit Schminke und Lippenstift. Uns Männer verweist die Mode auf die Hemden-Industrie. Das ist ein Grund zum Frohlocken und außerdem ein Grund, über die Tätowierungsgebräuche der Seeleute nicht mehr zu lachen.

Nur eines möchte ich vorschlagen: Laßt uns jene populäre Redewendung von dem Windmachen ändern, laßt uns sagen: „Mach’ nicht so viel Wind mit deinem kurzen, bemalten Hemde!“ Bisher hätte man sich das nicht trauen dürfen, weil die Leute ein solches Zitat als eine Beleidigung ihres Reinlichkeitssinns gewertet hätten. Die neue Mode ermöglicht es!