Von Marion Gräfin Dönhoff

Rom, im Juni

Wie wunderbar ausgewogen ist doch in Italien das Verhältnis von Natur und Mensch! Wenn man von den Hügeln Toscanas hinabsieht oder durch die Lombardische Ebene fährt, gleicht das Land einem Garten, in dem Menschenhand jede kleinste Ecke bestellt, bearbeitet, nutzbar gemacht hat: die Natur ist vermenschlicht. Aber, so muß man hinzufügen, die Menschen sind naturhaft geblieben. In jedem anderen Lande, das so dicht besiedelt ist, würde vermutlich längst eine „Verstädterung“ eingetreten sein; in Italien hingegen steckt selbst in jedem Römer – ob er Minister, Geistlicher oder Droschkenkutscher ist – noch ein gut Teil ländlicher Weisheit und natürlichen Instinkts.

Zwei Probleme machen die größte Sorge Itatiens aus: die Arbeitslosigkeit – es gibt jetzt annähernd zweieinhalb Millionen Arbeitslose – und das teilweise unvorstellbar bittere Elend, in dem weite Teile des Volkes leben. Dabei nimmt die Bevölkerung jährlich um zehn Prozent zu. Wenn man dies alles und obendrein die Tatsache der Rohstoffknappheit überdenkt, müßte man eigentlich zu dem Resultat kommen, daß Italien ohne ständige amerikanische Unterstützungen gar nicht lebensfähig sei, vor allem dann nicht, wenn der Kampf um die Exportmärkte in vollem Umfang einsetzen wird. Aber Graf Sforza, der Außenminister in dem wahrscheinlich besten „Regierungs-Team“, das es heute in Europa gibt, glaubt nicht, wie er sagte, an die Prädestination, die von ökonomischen Gegebenheiten angeblich bestimmt wird. Es hänge doch alles von der Kraft ab, sie politisch zu steuern.

Wenn man im Gespräch die raschen, klugen Augen des alten Staatsmannes und seine lebhafte Art des Redens beobachtet, kann man sich wohl vorstellen, daß er auch heute noch die Kraft und die geistige Beweglichkeit für sein großes Werk besitzt. „Wissen Sie“, so sagte er, „die Aristokratie in diesem Lande taugt nichts mehr, und die ‚Spießer‘ sind bei uns nicht anders als bei Ihnen: Triebsand für Diktaturen und ‚Ismen‘ aller Art, aber die italienischen Bauern, das ist ein wunderbar gesundes Element! In ihnen steckt die Weisheit von Jahrhunderten; man muß ihnen nur die Möglichkeit geben, sich zu entfalten. Der Kommunismus ist in diesem Lande der geborenen Kommunismus nur ein Spiegelbild der sozialen Situation. Es muß gelingen, den Lebensstandard zu heben, dann wird es in Italien keinen Kommunismus dann geben – schon heute würde die Wahl: wohl kaum mehr als 25 Prozent für sie ergeben. Es liegt mehr in unserer Hand, man muß. nur nicht an ein unabänderliches Schicksal glauben.“

Wenn es für die Generation unserer Eltern noch ein Erlebnis war. einem Staatsmann zu begegnen, der ein Selfmademan oder ein politischer Outsider war, so ist es für uns Spätgeborene ein eben solches Erlebnis, einen Staatsmann „vom Fach“, einen Diplomaten zu sehen: einen Außenminister zu sehen, der schon vor fünfzig Jahren eine damals glänzende diplomatische Karriere begann. Wieviel umschließt dieses halbe Jahrhundert an politischen Erfahrungen! Sforza hat den Herbst des großen europäischen Zeitalters noch in vollem Glanz gekannt, war in China auf diplomatischem Posten, ehe noch das alte Kaiserreich der Revolution zum Opfer fiel, und kannte Konstantinopel, als es noch die Metropole eines großen osmanischen Reiches war ... Wer „decline and fall“ so vieler Imperien miterlebt, an einem gut Stück Weltgeschichte mitgewoben und immer ein Flair für das Kommende und das Mögliche gehabt hat, der, so meint man, müsse mehr als andere über das Schicksal Europas und damit auch Deutschlands wissen.

Tatsächlich ist Graf Sforza, wie sich im Gespräch zeigte, im Hinblick auf Deutschland und seine Einbeziehung in die europäische Bewegung durchaus zuversichtlich: „Wenn in Straßburg alle um einen Tisch versammelt sind, dann wird es deutlich werden, daß ein Platz leer ist, der so bald wie werden, besetzt werden muß – denn Europa wird nur mit Deutschland muß oder gar nicht. Und es ist mit daß Straßburg als Sitz gar den europäischen gut, gewählt worden ist, denn die vollständige mentale und psychologische denn söhnung zwischen Frankreich Und Deutschland ist eine der wesentlichsten Voraussetzungen für ist kraftvolles Europa.“