Bemerkungen zu einem russischen Film

Ein sowjetischer Film, der jetzt in Berlin undin der Sowjetzone gezeigt wird, heißt: „Der wahre Mensch“. Ein schönes Thema – so denkt man und möchte die großen Enttäuschungen vergessen, die einmal der russische Film der jüngsten Vergangenheit, seine frühere Großartigkeit bitter verdunkelnd, und zum anderen die sowjetische Wirklichkeit gebracht haben. Und siehe – es ist wieder einmal ein Film aus dem Kriege, wieder einmal ein neuer Kommentar zu Hunderten, die es schon gibt.

„Der wahre Mensch“ zwingt aber Vergleiche auf: etwa mit einem ähnlichen Stoff, wie ihn eine mindestens ebenso erfolgreiche Macht des letzten Krieges, die amerikanische nämlich, gefaßt hat. Der im Kriege Verwundete, der Verstümmelte ist hier wie dort das Thema.

Sehen wir sie uns beide an: der amerikanische Matrose („Die besten Jahre unseres Lebens“) erleidet die bittere Verwandlung des Lebens bis in alle ihre seelischen Qualen, bis zum Aufbegehren, zur Menschenfeindlichkeit, zur Melancholie und schließlich zum menschlich begreifbaren Herrwerden, Sichfügen. Die Umwelt, bald überforsch, bald einfühlsam, bald behutsam, bald tölpelhaft, kommt menschlich echt auf den Betrachter zu. Da zieht kein gewittrig schwerer Heroismus auf, und es bläht sich auch keine gestelzte Sentimentalität. Daß das Hineinwachsen des schwer Getroffenen in eine neue Welt des Bürgerlichen zusammen mit zwei anderen Schicksalen sich vollzieht – im Kriege strahlend, im Frieden mühevoll und voll Bitternis – verdichtet das Geschehen zu einem menschlichen Lebensbild, das überall in der Welt seinen Platz haben könnte.

Anders, sehr anders im sowjetischen Film. „Der wahre Mensch“, wie ihn das totalitäre Schema des Ostens braucht, darf trotz abgeschossener Beine keinen Rückzug in ein verdientes privates Leben antreten. Mehr als dies: sein Weg in eine pathetische Heldenhaftigkeit wird gepflastert mit der im Nachbarbett des Hospitalzimmers sich ausbreitenden Pädagogik des Kommissars. Er, der Kommissar, ist eigentlich der „wahre Mensch“, der mit sanfter politischer Ermunterung den abgeschossenen Fliegeroffizier – der sich mit zerschmetterten Beinen zehn Tage lang durch den Winter der östlichen Wälder in die eigenen Reihen zurückrobbte – zu dem Dogma anfeuert, daß der Sowjetmensch in Wahrheit alles könne. Und die These, mit der der Energiegeladene, entschlössen zu neuem „Einsatz“, vor seine Kameraden, vor seine Krankenschwestern, vor die ihn abmusternden Ärzte, vor den General tritt: „Ich bin doch ein Sowjetmensch“, verfinstert das Thema vom „wahren Menschen zum schnöden politischen Leitartikel. Alle echte Gesinnung, alle natürliche Leidenschaft verflacht zu einer Kathedermoral, die sich selbst von dem bitteren Geschick des Helden abwendet. K. W.

*

Unter den Kultur- und Dokumentarfilmen, die neuerdings in den Kinos wiederauftauchen und durch ihr Gewicht das Publikum gelegentlich mit dem schwachen Hauptfilm etwas aussöhnen, fiel der von dem Institut für wissenschaftliche Filme in Erlangen hergestellte sehr instruktive Streifen „Schall, den wir nicht hören“auf, der mit anschaulichen Zeichentricks und lebhaften Beispielen die wissenschaftliche Erforschung des Ultraschalls und seine praktische Anwendung zu erläutern wußte (Harvestehuder Lichtspiele, Hamburg, F. M.