Von Jan Molitor

Bildchen ... Werden die Belgier es umtaufen, etwa in Miniaturen Seit mit seinen 597 Einwohnern der Aachener Vorort Bildchen an Belgien fiel, ist die Stadt noch dichter an die Grenze gerückt. "Noch mehr", sagt ein Aachener, "in die Ecke gedrückt..." Allerdings bestätigen die Aachener, daß die Belgier "nette Leute" seien, umgänglich, rücksichtsvoll, vernünftig. Sie haben, wie es scheint, zwischen dem kleinen Bildchen und dem großen Aachen vorläufig noch ein Türchen offengelassen. Aber die Tür ächzt doch bereits in den Angeln ... Da ist ein Beamter der Stadt Aachen, der in Bildchen ein Haus besitzt. Die Behörde seines neuen Vaterlandes stellte ihm einen Grenzschein aus, und er wandert nach wie vor vom belgischen Haus zum deutschen Amt, vom Amt nach Haus nach Belgien. Dies gilt jedoch nur für ein Vierteljahr. Danach muß er sich entscheiden, was er bleiben möchte: Hausbesitzer oder Beamter, Belgier oder Deutscher. Behält er das Haus, so verliert er die Pension. Behält er sein Amt, so liegt ihm das Haus hinter der-Grenze. "Nicht nur, daß die Grenze nun durch die Stadt geht", sagte ein Aachener, "die Grenze geht quer durch diesen Mann." Die Bilddiener dachten, als sie wider Willen nach Belgien gerieten, Schwierigkeiten zu haben. Und sie haben sie. Tableau!

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Kritisiert von Leuten, die meinen, das "Sofort" käme reichlich spät, hat die Stadtverwaltung vier Jahre nach Kriegsende ein "Sofortprogramm" für Aachens Aufbau entworfen. Vor allen Dingen soll die Badestadt Aachen wieder in Betrieb gebracht werden, die Kurstadt, die vor dem Kriege über 1711 Fremdenbetten verfügte, heute nur noch über 200. Schon diese Zahl sagt, wie sehr die alte Kaiserstadt unter dem Kriege, unter den Bomben der Fliegerangriffe und unter den Granaten des Erdkampfes gelitten hat. Immerhin – während beispielsweise in Köln sich das Geröll hier und dort noch straßenversperrend zu Bergen türmt, sind die Fahrdämme und Gehsteige in Aachen längst recht sauber hergerichtet. In diesen Straßen betrieb Aachen Anno 1938 seinen innerstädtischen Verkehr mit 277 Straßenbahnwagen und Autobussen: jeder Wagen legte täglich 68 Kilometer zurück. Heute besitzt die Stadt noch (oder schon wieder) 193 Wagen, und jeder muß täglich 161 Kilometer bewältigen. "Mit diesem Licht, das die Statistik auf ein unbemerktes Gebiet richtet", erläuterte ein Beamter der Stadt, "ist beleuchtet, was Aufbau und Anstrengung heißt." – Leistungen der Straßenbahnwagen als Symbol für das Tempo des Lebens zwischen Trümmern. Die Wagen leisten mehr als das Doppelte. Die Menschen auch. Es waren vor dem Kriege 164 000 Einwohner, jetzt sind es deren 122 000. Mit anderen Worten: Aachen hat keine Flüchtlinge. Während viele westdeutsche Großstädte durch ihre Mithilfe wuchsen (Lübeck beispielsweise um fast das Doppelte), ist Aachens Einwohnerzahl zurückgegangen. Zu Zehntausenden harren noch Bürger, die im Jahre 1944 zwangsweise evakuiert wurden, auf eine Möglichkeit zur Rückkehr. Die Stadt aber wünscht vor allem Badegäste zu sehen. Es geht nicht anders: diese zahlen, jene zehren...

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"Aachen" kommt von "Aquae Granis". Diese Wasser des keltischen Heilgottes Granus waren schon den römischen Besatzungstruppen rühmlichst bekannt, die sich in den feuchten Wäldern Germaniens – wie sollte es anders sein? – den Rheumatismus geholt hatten, das Zipperlein. Im Mittelalter hat Pipin bereits die Aachener Wasser benutzt, und Karl der Große hat hier nicht nur regiert, sondern auch gebadet. Schon die Pietät untersagt es eigentlich, daß heute das Wasser mancher dieser berühmten 38 Quellen, anstatt in die Badewannen zu strömen, irgendwo zwischen Trümmern versickert: die Quellen erreichen – ganz außergewöhnlich für europäische Breiten – eine Temperatur von 75 Grad Celsius; das ist also ein heißer Boden in Aachen, und zwar naturgemäß und nicht allein, weil hier, wie dies so nahe der Grenze wohl ebenfalls natürlich ist, der Schmuggel blüht, der illegale Grenzverkehr .. Morgens ein Klopfen an der Hoteltür. "Kriminalpolizei", sagt eine Stimme. Hat doch ein Mann ganz gleichen Namens, gleichen Geburtsdatums, doch gottlob ungleichen Herkunftsortes, zweifellos aber ein "unsicherer Kantonist", diese Gegend zu seiner Sicherheit aufgesucht. Von Aachen braucht er nur einen Sprung zu tun, und er ist in Belgien; einen neuen Sprung, und er ist in Holland, einen Sprung zurück, und er ist in Deutschland. Denn das "Dreiländereck" gibt ihm die Möglichkeit, die Polizisten dreier Staaten zu narren. Wer unklare Papiere hat, gehe nicht nach Aachen, es sei denn, er sei springlebendig und nicht rheumatisch! Wer klare Papiere hat, wird indessen die höflichste Kriminalpolizei der Welt kennenlernen. "Sie haben bemerkt –: ich kam erst nach sieben, wo man sowieso allmählich aufstehen muß."

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