Prognosen sind Glückssache, vor allem optimistische. „Die Tür des Konferenzzimmer? wird sich erst wieder öffnen, wenn wir uns einig sind.“ Mit diesen Worten trat Belgiens Ministerpräsident Spaak in die Brüsseler Finanzkonferenz der „Großen Vier des ERP“ ein, zu denen außer ihm selbst Englands Wirtschaftspapst Cripps, Frankreichs Finanzminister Maurice Petsche und der amerikanische ERP-Sonderbotschafter Harriman gehören. Als die Tür sich wieder öffnete, war man sich nicht einig. Auch bei den Großen Vier des ERP gibt es nämlich einen Außenseiter: Sir Stafford Cripps, dessen Handelspolitik fast vergessen läßt, daß England einmal die Hochburg des Freihandels war ...

Die umstrittene Frage lautet: Sollen die Leistungen für den Europäischen Hilfsfonds, den „Kleinen Marshall-Plan“, weiterhin nur im Geberland eingelöst oder künftig frei konvertiert werden können? Belgien wünscht mit der Konvertierbarkeit schärferen Wettbewerb in den europäischen Handel zu bringen und eine Bereinigung der Wechselkurse zu erzwingen. Ihm sekundieren die Amerikaner und – halben Herzens – die Franzosen.

Es liegen Kompromißvorschläge vor: Die frei konvertierbaren Beträge sollen auf 50 oder sogar auf 40 v. H. der Beiträge zum Hilfsfonds beschränkt werden. Cripps’ Antwort war bisher ein glattes Nein. In Wirklichkeit geht es um mehr als um die Konvertierbarkeit der Hilfsfonds-Anteile: Es geht um die Frage, ob Europa schon jetzt zum freieren Handel zurückkehren kann oder weiterhin die Krücken der Handelsschranken und Devisenbewirtschaftung braucht. Die letzten Chance für eine Einigung bietet die OEEC-Konferenz, die in diesen Tagen in Paris stattfindet. Wenn dort wieder alle Versuche scheitern, wird sich möglicherweise zeigen, daß es im ERP nicht vier Große gibt, sondern nur einen. Dieser eine hat es in der Hand, seinen größten Dollar-Empfänger aus einem handelspolitischen Außenseiter zu einem Mitläufer des freien Handels zu machen. N.