Von Herbert Sinz

Als Königin Juliana der Niederlande im vergangenen Jahr ihr Krönungskleid in Basel bestellte, wurde die Aufmerksamkeit der Modeweit auf den 19 jährigen Schweizer Erwin Dolder gelenkt. Ihm und keinem anderen hatte die holländische Monarchin den beneidenswerten Auftrag übergeben. Wer ist dieser junge Schneidermeister, der mit einem Schlage in das Lampenlicht der internationalen Haute Couture gerückt ist?

Dem jungen Erwin Dolder war es, wie man so sagt, nicht an der Wiege gesungen worden, daß er, noch ehe er volljährig wurde, Fürstinnen und Filmstars Heiden sollte. Sein Vater hatte ihn für den kaufmännischen Beruf vorgesehen, aber mit vierzehn Jahren zog es den Jungen unwiderstehlich zum Handwerk. Er wußte noch nicht recht, was er wollte, besuchte die Gewerbeschule und versuchte es mit dem Beruf eines Dekorateurs. Holz und Papier brachten ihm aber keine Befriedigung, und so versuchte er es mit Stoffdrapierungen. Da kam für ihn Nein großes Erlebnis er sah eine Aufführung des „Zarewitsch“ und stellte fest, daß Stoffdrapés im Schaufenster tot und verstaubt wirken, und nur auf einem lebendigen Körper durch die Bewegung richtig zur Geltung kommen können.

Nun wußte Erwin Dolder, was er zu tun hatte. Er machte bei einer bekannten Basler Schneidermeisterin die Lehre durch und besuchte nebenher die Frauenarbeitsschule, wo er in die Welt der Schnittmuster und in die Materialkunde eingeführt wurde. Als Meisterstück fertigte er ein Kleid für seine Mutter an. Während dieser Lehrzeit ging Erwin Dolder bereits seine eigenen Wege; von seinen Arbeitskameraden und Kameradinnen wurde er verlacht, wenn er davon sprach, daß er einmal Bühnen- und Filmstars, Königinnen und Fürstinnen kleiden wollte-

Als Erwin Dolder noch in der Lehre war, sah er eines Tages bei einem Pelzhändler ein Affenfell. Der Kürschner zeigte sich den Wünschen des Jungen geneigt und trat ihm das Fell auf Abzahlung ab. Erwin Dolder wartete nun auf seinen ersten großen Tag, und der kam, als Josephine Baker 1945 in Basel auftrat. Es war nicht leicht, den Weg zu dieser großen Künstlerin zu finden. Aber Erwin Dolder legte eine bewunderungswürdige Hartnäckigkeit an den Tag und ruhte nicht eher, bis er mit einem Skizzenblock, einem Stück schwarzen Marocain und dem besagten Affenfell vor der gefeierten Tänzerin stand. Josephine zeigte ihm die Reihe ihrer Kostüme, die von den besten Modeschöpfern der Welt angefertigt worden waren. Aber Erwin Dolder ließ sich nicht einschüchtern. Ein paar Tage später trug Josephine Baker während der Vorstellung ein schwarzes, langes, sehr anliegendes Kleid, dazu einen klassischen Turban als Kopfbedeckung und als besonderen Blickfang das zu einem Muff verarbeitete Affenfell. Schöpfer dieses neuen Kostüms war Erwin Dolder. Der Erfolg war groß. Erwin Dolder, der bescheiden auf einem der letzten Plätze des Theaters gesessen hatte, mußte auf die Bühne kommen und sich mit Josephine Baker vor dem Publikum verneigen. Das war das erste Kleid, das er für diese Tänzerin arbeitete, dem dann noch viele andere folgten.

Dieser junge Bursche mit dem schmalen Gesicht und dem blonden gescheitelten Haar hatte Einfälle und Mut, und dieser Mut brachte ihm Erfolg. So kam er auf, den Gedanken, der Königin Mary von England zu ihrem 80. Geburtstag einen Hut zu schenken, und zwar war es eine Toque aus schwarzen, handflächengroßen Straußenfedern. Den dünnen Filz überzog er mit dunkler antiker Seide, auf der violette Punkte standen. Dann legte er den Hut getrost in eine Schachtel, vernähte sie mit Goldfäden und fügte ihr einen Brief bei: Ein junger Schweizer gestattet sich, Ihrer Majestät anläßlich Ihres Geburtstages einen Hut zu überreichen und drückt dabei zugleich seine Bewunderung für Ihre Majestät und Ihr Land aus. – Sein Erstaunen war groß, als er von einer Hofdame der Königin einen Brief erhielt, in dem Königin Mary ihre Bewunderung für den reizenden Hut ausdrückte und versprach, ihn als Andenken zu behalten.

Bald danach fuhr Erwin Dolder nach Paris, um am berühmten Institut Guerre Lavigne das Diplom zu machen. Er hatte es als einziger Mann unter 70 Schülerinnen nicht leicht und mußte nicht selten hören, daß man ihm zwar eine Befähigung zum Melken und Jodeln zutraute, nicht aber die, ein Modeschöpfer zu sein. Trotzdem erhielt er bei der Abschlußprüfung die höchste Auszeichnung, die in den letzten Jahren an diesem Insitut überhaupt vergeben worden war.