Von W. Kenner

Seit kurzer Zeit ist die Margarine weiß geworden. Ende April teilte Professor Butenandt aus Tübingen mit, daß das Buttergelb, das bisher aus psychologischen Gründen der-Margarine zugesetzt wurde, im Tierversuch krebserzeugend wirkt. Der Frankfurter Chirurgenkongreß forderte daher ein Verbot für die Verwendung von Farbstoffen für Lebensmittel mit Ausnahme von etwa 20 Farbstoffen, die sich auch bei langdauernder Aufnahme als ungiftig erwiesen haben. So entfärbte das Zauberwort Krebs in wenigen Wochen die Margarine, da die positive psychologische Wirkung der gelben Farbe nun der negativen der Krebsfurcht wich. Ob allerdings jemals bei einem Menschen durch Buttergelb ein Krebs hervorgerufen wurde, ist noch nicht bewiesen und wird sich auch schwer je beweisen lassen. Denn zwischen Mensch und Laboratoriumstier bestehen beträchtliche biologische Unterschiede. Außerdem kommt es auch bei den Tieren auf die Art der Verabreichung an, ob sich mit einem Stoff ein Krebs erzeugen läßt oder nicht.

Das Krebsproblem hat in den letzten Jahrzehnten eine so intensive Bearbeitung erfahren, daß es in der ganzen Welt zu einem speziellen Forschungsgebiet wurde. Die Fallstricke beim Denken über dieses Thema sind allerdings zahlreich, und eine große Anzahl von Schlüssen werden voreilig gezogen. Und es ist wichtig, daß die Menschen nicht in eine sinnlose Krebsfurcht verfallen, daß sie sich nicht von voreiligen pseudologischen Gedanken getrieben, ihr krebsfreies Leben noch verbittern. Und daher sollen noch einmal die Worte des Forschers anklingen, der lediglich sagte, daß es nicht zu verantworten sei, einen Stoff in Nahrungsmitteln zu verwenden, der unter besonderen Umständen krebserzeugend wirken könne.

Was ist eigentlich ein Krebs? Wie und wodurch entsteht er? Wenn man diese Fragen vollständig beantworten könnte, wäre der Krebs kein Problem mehr. Ein Kennzeichen der Krebsgeschwulst ist ihr ungehemmtes, sich in die Umgebung einfressendes Wachstum. Eine gewisse Anzahl von Vertretern einer Zellsorte in einem Organ fügt sich plötzlich nicht mehr der Ordnung des Körpers; sie arbeitet nicht mehr für sondern gegen die Erhaltung der ihr zugedachten Funktion und damit gegen den Fortbestand des Lebens. Krebse und ähnliche bösartige Geschwülste können in jedem Lebensalter des Menschen in allen Organen auftreten. Daher haben alle Krebse neben manchen gemeinsamen Eigenschaften auch viele, in denen sie sich fundamental unterscheiden. Gemeinsames und Trennendes, Wesentliches und Unwesentliches als solches zu erkennen, ist heutzutage fast nur noch dem Spezialisten möglich.

Zur Auslösung eines Krebses genügt es zum Beispiel nicht, daß eine kleine Anzahl von Zellen in einen der Krebszelle gleichenden Zustand kommen. Damit sich der Krebs entwickeln kann, sind mindestens hundert bis tausend solcher Zellen erforderlich. Diese Zellen müssen durch irgendeinen Reiz dazu veranlaßt worden sein, krebsig zu entarten. Unendlich mannigfaltig sind die Reize, die die Zellen hierzu bestimmen können. Eine Reihe der möglichen Reize ist bekannt, viele aber noch unbekannt.

Schon Ende des vorigen Jahrhunderts wies der berühmte Dermatologe Unna darauf hin, daß die Seemanshaut, die in hohem Maße Wind, Wetter und Sonne ausgesetzt ist, besonders zu Hautkrebsen neigt. Dann erfuhr man, daß bei den Turkmenen, die eine Wärmflasche auf der Brust zu tragen pflegen, der ständige mechanische Druck und das Reiben häufig zu Krebsbildungen führt. Professor Konjetzny fand, daß chronische Entzündungsreize der Magenschleimhaut Wegbereiter des Magenkrebses sind. Es stellte sich ferner heraus, daß gewisse Teerprodukte mit großer Sicherheit Krebse zu erzeugen pflegen. Die Chemie forschte weiter und entdeckte, welche Teerfraktionen diese unheimliche Eigenschaft besitzen. Dabei zeigte sich, daß sie mit manchen im menschlichen Körper natürlicherweise gebildeten Substanzen chemisch verwandt sind, wie insbesondere den Gallederivaten und den Geschlechtshormonen. Auch mußte die Wissenschaft zu ihrem Schmerz erfahren, daß Röntgenstrahlen unter gewissen Bedingungen Krebse hervorrufen können. Das gleiche gilt für manche Leberextrakte und Farbstoffe. Aber die Frage, wie beim Menschen die Bedingungen sein müssen, damit ein Reiz krebsauslösend wirkt, das heißt: warum nur eine gewisse Anzahl von Menschen, die dem gleichen schädlichen Einfluß unterworfen sind, krebskrank wird, liegt noch im Dunkel. So schien die Zunahme des Lungenkrebses in den letzten Jahrzehnten durch die Zunahme des Rauchens erklärt, bis sich herausstellte, daß unter den Lungenkrebskrankengenau so viele Nichtraucher waren, wie unter der Durchschnittsbevölkerung; darüber hinaus soll bei den Eingeborenen Afrikas die gleiche Zunahme dieser Krankheit festzustellen sein.

Weitere Fragen tauchten auf. Wieweit waren die krebserregenden Substanzen direkt schuld, und wieweit bewirkten sie nur Veränderungen, die dann, durch im Körper gebildete Substanzen, indirekt einen Krebs möglich machten?