Am vergangenen Sonntag hat der französische Außenminister Schuman einen konstruktiven Frieden für Deutschland und eine deutsch-französische Verständigung gefordert. Derartige Reden sind notwendig und nützlich, Um den Weg zu ebnen. Aber sie lassen gar zu leicht die Illusion aufkommen, als ob zwischen Frankreich und Deutschland schon alles in Ordnung sei, als ob der Gedanke der Europaunion und die Drohung aus dem Osten stark genug seien, um eine politische Brücke über den Rhein zu schlagen. Das ist eine gefährliche Illusion! Eine wahrhaft herzliche Beziehung zwischen beiden Ländern ist im Augenblick noch nicht möglich. Sie ist aber auch gar nicht nötig. Der Weg zur wirklichen Verständigem führt nicht über offizielle Sympathiekundgebungen von beiden Seiten. Er führt über gemeinsame Interessen.

Mit dem kritischen und kühlen Blick, des Neutralen haben einige Schweizer erkannt, worauf es „kommt. Sie hatten deshalb für den ersten Versuch, eine deutsch-französische Arbeitsgemeinschaft zustande zu bringen, Männer des praktischen Lebens gewählt: In der friedlichen Atmosphäre der Schweiz trafen sich zu Anfang dieses Monats deutsche und französische Stadtväter.

Auch hier mußten einige Illusionen; fallen, ehe ein fruchtbares Gespräch zustande kam. Der französische Kommunalpolitiker kann sich nicht so offen zur Verständigung bekennen wie sein deutscher Kollege. Er muß Rücksicht auf seine in der Hegel noch wenig deutschfreundlichen Wähler nehmen. Der Franzose vergißt langsam, und vor allem: er glaubt, Zeit zu haben. Die deutschen Vertreter mahnen gleichfalls zur Vorsicht. Aber sie wollen diese Vorsicht anders verstanden sehen. Sie beziehen sie nur auf die qualitative Auslese der Deutschen, die nach Frankreich fahren oder mit Franzosen ins Gespräch kommen. Sie wissen, daß keine Zeit zu verlieren ist, und warnten deshalb davor, das Tempo der Verständigungsversuche zu drosseln. Es fiel das Wort von der Atempause des Nationalismus in Deutschland. Vielleicht ist ganz Westeuropa – nicht nur Deutschland – für die Dauer der Bedrohung aus dem Osten wirklich nur eine Atempause des Nationalismus gegönnt, die schnellstens genutzt werden muß.

Es hieße an der europäischen Zukunft verzweifeln, wollte man die Möglichkeit einer deutschfranzösischen Verständigung leugnen. Aber es ließe die Tatsachen verkennen, wollte man glauben, daß unsere so verständliche deutsche Ungeduld jenseits des Rheins geteilt wird.

Nusseck