Die Zeit, da amerikanisches Militär in Deutschland regierte, neigt sich dem Ende zu. An Stelle des Generals wird dieser Tage offiziell der Ziviist die Zügel in die Hand nehmen; statt Lucius D. Clay, John J. McCloy. Schon seit Anfang des Monats kann man in den OMGUS-Behörden zuweilen einen jener unauffällig gekleideten Beamten treffen, die von Bad Nauheim aus in besonderer Mission das amerikanische Kontrollgebiet bereisen. Es ist eins der Erfolgsgeheimnisse des 54jährigen Hohen Kommissars: Er glaubt nicht an die neuen Besen, die unbedingt gut kehren müssen. Er dirigiert das Anlaufen der Maschine aus der Ferne, um zu gegebener Zeit das Steuer selbst zu übernehmen.

Als ihm 1947 der Posten des Weltbankpräsidenten angeboten wurde, zögerte er mehrere Wochen, ihn anzunehmen, weil ihm zu viele Bestimmungen hinderlich erschienen. Erst nachdem der Stiefel seinem Fuß angepaßt worden war, zog er ihn an. Das ist bezeichnend für McCloy und darin hat sich bis heute nichts geändert. Auch dieses Mal übernahm er die „Oberste Autorität der Vereinigten Staaten in Deutschland“, wie eine Verlautbarung des Weißen Hauses den sehr diffizilen Außenposten des State Department bezeichnete, nicht, bevor die demokratische Regierung ihm, dem Republikaner, nicht tatsächlich alle nur möglichen Vollmachten eingeräumt hatte: erstens die diplomatische, politische und verwaltungstechnische Oberleitung, zweitens die militärische Befehlsgewalt über die amerikanischen Besatzungstruppen, falls Schritte „zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung“ notwendig werden sollten, und drittens die wirtschaftliche Schlüsselposition als Marshallplanbeauftragter für Deutschland. John Jay McCloy liebt keine Halbheiten. Er gilt als überdurchschnittlich fähiger Verwaltungsfachmann in der Politik und in seinem eigentlichen Beruf als einer der Spitzenanwälte Wallstreets. Tennis und Angeln sind Lieblingssporte. Aber nicht nur beim Tennis weiß er seine Gegner auszupunkten und nicht nur beim Angeln fängt er die größten Fische.

Für die deutsche Öffentlichkeit ist der erste zivile Hohe Kommissar der Vereinigten Staaten ein fast unbeschriebenes Blatt. Nicht so Deutschland für ihn. Er ist Ehrenbürger von Rothenburg ob der Tauber, das er als Unterstaatssekretär im Kriegsministerium 1945 auf einer zufälligen Inspektionsfahrt an die Front vor der Zerstörung bewahrte. Seine Familie, sein Beruf und sein Dienst in zwei Weltkriegen haben seine Verbindung zu Deutschland nie abreißen lassen. Manche Bitterkeit und manches Glück seines Lebens sind mit diesem Land verbunden. Aber in keiner seiner Äußerungen findet sich eine Spur von Haß oder Freundschafts-Pathos. „Ohne Zweifel, es wird eine heikle Sache werden“, war alles, was er zu seinem Auftrag sagte.

McCloys Unterschrift unter der Direktive 1CS 1067, die in der Welt unter dem Namen Morgenthau bekannt wurde und seine, aus seiner Anwaltszeit in Paris herrührende frankophile Einstellung haben zu mancherlei Spekulationen über den künftigen Kurs des amerikanischen Bevollmächtigten in Deutschland Anlaß gegeben. Aber es ist nicht nur erwiesen, daß er seit jeher ein entschiedener Gegner des Morgenthauplanes war, sondern man wird vor allem eins nicht vergessen dürfen: McCloy ist seit den Konferenzen von Kairo, Casablanca und Potsdam ein enger Freund Robert Murphys, des Leiters der Abteilung „Deutschland und die besetzten Gebiete“ im State Department. Murphys Deutschlandskonzeption ist die großzügigste unter den Konzeptionen aller vier Besatzungsmächte. McCloy hätte nie seinen Posten angenommen, wenn er nicht mit ihr übereinstimmte. C. J.