Von Paul Hühnerfeld

Im Schaufenster eines Geschäftes zu Hamburg, mitten im Stadtzentrum, hat man damit begonnen, neben Radiogeräten, Koffergrammophonen und Schallplatten ein junges Mädchen auszustellen. Nein, keine tote Puppe aus Pappmache oder Bakelit, wie man sie sonst in den Konfektionshäusern findet, sondern ein lebendiges Mädchen. Sie steht nicht nur, sie bewegt sich. Sie geht, vielmehr sie schreitet vor den Blicken neugieriger Menschen, die sich vor der Schaufensterscheibe drängen, repräsentativ auf eine Ecke zu, in der ein Koffergrammophon seinen Platz hat. Sie nimmt eine Platte in die Hand, dreht das Etikett den Leuten zu, damit sie die Aufschrift lesen können, und legt sie dann auf. Während das Musikstück abläuft, sitzt sie lächelnd neben dem Grammophon. Es scheint, daß sie nun Pause hat.

Aber dieses Lächeln ist offenbar noch wichtiger als alles andere, was sie tut: das Plattenauflegen oder das Vorweisen von Radiogeräten. Denn in diesem Lächeln findet sich alles wieder, was in diesem Jahrhundert von den Managern erfunden wurde, die Massen anzuziehen: es ist jene eigenartige und in ihrem Grunde so unheimliche Mischung aus hundertmal filtrierter, aller Gefahren und Abgründe entkleideter Erotik, die sich im Sex appeal-Typ und Pin-up-girl repräsentiert. Es ist ein Lächeln, das nichts verspricht und dennoch die Neugier befriedigt. Es ist schließlich ein Lächeln, das sogar noch mit dem Mitleid der Zuschauer Geschäfte machen will, mit dem Rest von Mitleid, das dem modernen Massenmenschen, wenn er es nicht in einem organisierten Wohltätigkeitsverein sanktioniert ausübt, noch geblieben ist. Denn es mag immer noch ein paar Schaulustige geben, denen das Mädchen dort im Fenster leid tut und die dann deswegen eine Schallplatte einkaufen, aus dem Gefühl heraus, dadurch dem Mädchen helfen zu können, was ja – zumindest mittelbar – auch stimmt.

Es ist wohl möglich, daß das Fräulein dort im Schaufenster (sicher werden ihm bald viele andere Fräuleins folgen –: erklärte doch eine Zeitung, daß dies „eine lohnende Nebenbeschäftigung für Schauspieler in der augenblicklichen Theaterkrisenzeit sei“), daß dies Fräulein also sich nicht im klaren ist, was ihr Einheitslächeln ausdrückt. Das ist sogar fast sicher. Wüßte sie es nämlich, würde sie nicht mehr so lächeln können. Ein letzter Rest von Individualität würde sich in ihr wehren, dieser Bagatellisierung der Menschlichkeit zu dienen, ein Symptom zu sein für das Umlügen alles Echten in die filtrierte Schalheit der Vermassung. Vielleicht aber ahnt sie es sogar, und steht dennoch im Schaufenster und lächelt. Denn sie muß Geld verdienen. Und von solchen Gedanken wie diesen hier kann sie nicht leben. Es ist überhaupt die Frage, ob man es in Zukunft noch zulassen wird, daß irgendwer von eigenen Gedanken leben kann. Also lächelt sie...

Aber vielleicht ist dies alles auch nicht so schlimm. Vielleicht ist es nur schlimm, wenn man über solche Dinge zuviel nachdenkt. In Amerika zum Beispiel werden solche Reklamemethoden ja schon länger angewandt, ohne daß sich irgendwer darüber aufregt. Und niemand hier wird sich auf den veralteten Standpunkt stellen wollen, die Amerikaner seien eben noch „Barbaren“. Ein Volk mit Dichtern vom Range eines Thomas Wolfe und Ernest Hemingway braucht sich vor niemandem mehr wegen seines kulturellen Niveaus zu verstecken. Aber wer so argumentiert, vergißt eins: Bei den Amerikanern standen und stehen diese Symptome der systematischen Vermassung am Anfang ihrer Entwicklung (es gibt schon jetzt Anzeichen drüben, daß sie vielleicht einmal ganz aufhören werden), bei uns in Europa dagegen stehen sie am Ende.

Für das alte Europa ist dies eine Zeit der Paradoxe: Da lehrt in Paris der viel geschmähte Philosoph und Schriftsteller Jean Paul Sartre den schrankenlos freien Übermenschen (wer von seinen lauten Kritikern ist sich wohl, bevor er ihn verdammt, darüber im klaren, daß dies vielleicht die letzte große abendländische Menschenkonzeption überhaupt ist?), während nur vier Flugstunden weiter in Berlin der russische Bolschewismus die europäische Individualität vernichtet. – Da spielt man in den Hamburger Kammerspielen ein Stück um die Verschwörer des 20. Juli, die sich doch – was man auch sonst von ihnen halten mag – in einer Zeit des Nichtdenkens dadurch auszeichneten, daß sie dachten, während nur zehn Minuten Wegs entfernt ein Mädchen in einem Schaufenster den Vorübergehenden die Gedanken „weglächelt“, die sie nach langjähriger geistiger Interimszeit gerade wieder zu denken begannen.