Tagungen sind meistens ermüdend. Die Bayreuther Woche „Jugend und neue Musik“ war es nicht. Den Leitern und Mitarbeitern des „Instituts für Musikerziehung“ gebührt dafür besondere Anerkennung.

Die Tagung ging in erster Linie die Schul- und Privatmusiklehrer an. Etwa hundert von ihnen waren gekommen. Dazu hatte man 360 Studierende aus westdeutschen Musikhochschulen unter Zuhilfenahme öffentlicher Geldmittel nach Bayreuth gebracht. Sie waren entweder Mitglieder der acht Hochschul-Chöre, die in täglichen Aufführungen einen Überblick über die gegenwärtige Chormusik gaben, oder sie wirkten als Instrumentalisten bei der Vorführung von neuer Unterrichtsmusik mit. Der Rest der Teilnehmer waren Komponisten, ausübende Künstler und führende Pädagogen.

Die Situation der deutschen Musik ist mehr als schwierig. Kultur ist im verarmten Deutschland Luxus geworden. Schüler und Lehrer ringen um ihre Existenz. Dennoch muß es weiter gehen. Mehr als das: eine Fülle von neuen Aufgaben und Problemen ist zu bewältigen. Sie liegen in erster Linie im Bereich der Musikerziehung, vordringlich in ihrer Beziehung zur neuen Musik. Das revolutionäre Stadium der neuen Musik scheint abgeschlossen. Die vier großen Vorkämpfer Schönberg, Bartók, Strawinsky, Hindemith haben die Tonsprache des 20. Jahrhunderts geschaffen und durchgesetzt. Andere bauen auf ihren Grandlagen weiter. Die Abgrenzung der „neuen Musik“ gegen das 19. Jahrhundert ist nicht immer eindeutig. Das Aufgeben der Dur-Moll-Tonalität kann man jedenfalls als ziemlich verbindliches Merkmal bezeichnen. Wollen Unentwegte wie Wolfgang Fortner nur völlige Preisgabe der Grundtonbezogenheit als neue Musik gelten lassen, so faßt Fritz Jöde wiederum den Begriff vom Lebensgefühl her. Neue Musik darf für ihn nicht „pensionsberechtigte Musik“ sein, Musik, die auf früheren Leistungen und Verdiensten ausruht. Gewiß war nicht alles, was man in Bayreuth hörte, in diesem doppelten Sinne neu. Dennoch präsentierte sich die neue Musik im Ganzen als eine zwar vielfältige, doch organische Einheit. Es geht heute nicht mehr um die Durchsetzung ihres Stils. Es geht um ihre Wirkung in die Breite und Tiefe.

In Bayreuth wurde in Wort und Tat betont, das am Anfang einer chorischen Musikerziehung das Singen steht. Im chorischen Singen werden Haltung und Form der neuen Musik am leichtesten, erarbeitet. Nicht minder wichtig waren indessen die Vorführungen neuer Unterrichtsmusik für Instrumente. Die „Komponisten sind sich heute weitgehend ihrer Verpflichtung bewußt, auch für Laien und Lernende zu schreiben. Stücke von Genzmer, Hindemith, Marx, Degen und anderen legten Zeugnis davon ab. Vorbildlich war auch auf diesem Gebiet Bela Bartók, dessen Duos für zwei Violinen zeitnah, reizvoll und dem kindlichen Verständnis angemessen sind. Die Schwierigkeit der Notenbeschaffung ist heute nicht mehr unüberwindlich. Die angegliederte und eifrig besuchte Musikalien-Ausstellung zeigte, daß wenigstens alles hier Vorgeführte erhältlich und auch die Musik des Auslandes wieder erreichbar ist (durch Inter-Musica, Baden-Baden).

Eine Durchdringung der Teilnehmer mit dem Geist der neuen Musik wäre nicht möglich gewesen ohne Einbeziehung der Konzertmusik. Künstler wie das Freund-Quartett, Carl Seemann und Edith Picht-Axenfeld (Klavier), die Bamberger Symphoniker unter Georg Ludwig Jochum waren zur Mitwirkung herangezogen, Den bedeutendsten Werken – Bartóks 6. Streichquartett, Strawinskys Concerto für zwei Klaviere, Fortners Symphonie von 1947 – wurden aufschlußreiche Einführungen vorangestellt. An Uraufführungen gab es: ein Streichquartett von Wolfgang Jacobi, ein verbindliches Musizierstück mit einem langsamen Satz von eigenartiger Atmosphäre; eine Klavierkomposition e–fis–d von Hermann Heiß, die im Rahmen des Zwölftonsystems ein fast impressionistisches Klanggefühl offenbarte – und als weitaus stärkstes und erfolgreichstes Werk das 6. Streichquartett des Haas-Schülers Karl Höller, das mit seiner sinnenfreudigen Klanglichkeit, prägnanten Thematik und lebensbejahenden Haltung dennoch eine persönliche und zeitnahe Sprache führt,

Eine Fülle von Vorträgen und Aussprachen über pädagogische Fragen vervollständigte um Tagungsprogramm. Auseinandersetzungen um eine neue Musiktheorie und Tonsatzlehre fesselten besonders. Es wird leidenschaftlich darum gerungen, der neuen Musik eine feste theoretische Grundlage zu schaffen. Die Situation ist jedoch noch ungeklärt, die Standpunkte sind sehr verschieden. Als Kristallisationspunkte dürften gelten: die Zwölftonlehre, die allen zwölf Tönen völlige Gleichberechtigung zuspricht, und die Hindemithsche Theorie, die Strebungen, Rangordnung, Grundtönigkeit innerhalb der zwölf Töne anerkennt. (Sie wurde übrigens vielfach kritisiert.) Die schöpferische Persönlichkeit läßtsich freilich nicht durch Doktrinen knebeln. Doch wurde am Beispiel Fortners deutlich, daß auch der Komponist in Zeiten geistiger Unruhe und der Infragestellung alter Gesetzmäßigkeiten sich nicht dem Gefühl überläßt, sondern wachen Geistes und mit höchstem Verantwortungsbewußtsein an den Bau seiner Werke geht,

Gertrud Runge