Von P. H. Schulze

Die Schließung der russischen Konsulate in Iran und die russische Forderung auf Schließung des iranischen Konsulates in Baku ist eine der wenigen Nachrichten, die in der letzten Zeit aus dem Kaiserreich des Mittleren Ostens ihren Weg in die Weltpresse gefunden haben. Einen deutlicheren Eindruck von den sich ständig steigernden Spannungen zwischen der UdSSR und Iran geben die Sendungen in persischer Sprache von Radio Moskau und Baku und die Kommentare von Radio Teheran. Die Sowjetsender lassen ein wahres Trommelfeuer von Anklagen gegen die reaktionäre Regierung des Schahs, gegen die „Versklavung“ des Landes durch britische und amerikanische Fachleute und gegen den Ausbau von Flugstützpunkten auf iranischem Boden seitens der USA auf die persischen Hörer niederprasseln. Teheran antwortet mit Beschuldigungen über Grenzverletzungen durch Rotarmisten,sowjetische Einmischungen in innere Angelegenheiten Irans und Unterstützung aufständischer Minderheiten durch offiziöse und offizielle russische Stellen.

Die beiderseitige Nervosität ist sehr begreiflich. Iran wird immer mehr zum Schlußglied, das die Kette der politisch-strategischen Abwehrstellungen des Westens im Nahen Osten und Südostasien zusammenhält. Wenn Iran dem Westen verlorengehen würde, wäre die Flanke der arabischen Länder aufgerissen und ein zumindest politischer Rückzug bis ans Mittelmeer kaum zu vermeiden. Die Einbeziehung Irans in den sowjetischen Herrschaftsbereich würde aber auch den indischen Subkontinent schwer bedrohen, dessen östliche und nördliche Grenzen durch die Unruhen in Burma und die versteckte russische Einflußnahme auf die Stammesstreitigkeiten an der Nordwestgrenze bereits gefährdet sind.

Für die Sowjetunion anderseits bedeutet ein unter amerikanischer Kontrolle stehendes Iran einen Pfeil, der gegen ihr industrielles Herz vor und hinter dem Ural und gegen die wichtigsten Rohstoffvorkommen gerichtet ist. Von hier aus ist auch am ehesten eine Beeinflussung der transkaukasischen moslemischen Stämme möglich, die der UdSSR ohnehin seit Kriegsende immer wieder zu schaffen gemacht haben.

Beide Seiten, setzen daher alles ein, um das Spiel zu gewinnen oder wenigstens den Gegner nicht weiter Fuß fassen zu lassen. Dabei ist kaum mit einer militärischen Auseinandersetzung zu rechnen: Moskau weiß sehr wohl, daß jede militärische Einmischung in Iran unausdenkbare Konsequenzen mit sich bringen muß, und die USA sind sich über den geringen Wert der iranischen Armee, auch wenn sie durch amerikanische Ausbilder und Surplus-Material hochgepäppelt wird, durchaus im Klaren.

Der Kampf geht vielmehr um politische Positionen. Die Sowjets können dabei immer noch mit der Unzufriedenheit der persischen Bauern rechnen, deren Zustand sich kaum von dem der Leibeigenschaft unterscheidet. Sie haben als Verbündete die Tudeh-Partei, die trotz ihres Verbotes und der Verhaftung ihrer Führer noch immer aktiv ist, und schließlich die Sympathie der rassischen und religiösen Minderheiten, vor allem der Kurden, für deren Freiheitskampf erst kürzlich wieder der Moskauer Sender eine Lanze brach.

Die Westmächte bemühen sich dagegen, die Reformbestrebungen des Schahs und seines energischen Generalstabschefs General Razmara zu unterstützen. Dieser General führt heute praktisch die Regierung; Ministerpräsident Mohammed Saed spielt neben ihm nur eine zweitrangige Rolle. Dabei muß Ali Razmara nicht minder heftig gegen rechts wie gegen links kämpfen; vor allem die orthodoxstrenge islamische Geistlichkeit wirft ihm bei seinen Bemühungen, dem Land bessere soziale Verhältnisse zu geben, manchen Knüppel zwischen die Beine.

Sehr viel wird für den Ausgang des Kampfes in Iran davon abhängen, ob der Sieben-Jahresplan zur Modernisierung der persischen Landwirtschaft und Industrie gegen Korruption und Schwierigkeiten, die in der Struktur des Landes liegen, zum Erfolg gebracht werden kann, und ob es gelingt, den Lebensstandard der Bevölkerung zu heben. Vor allem aber wird wichtig sein, daß ein Ausgleich der anglo - amerikanischen Rivalitäten im Nahen Osten, die sich in Iran nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet beobachten lassen, zustande kommt.