Ein Wort zum deutschen Ostproblem

Von Karl Arnold

Der Ministerpäsident von Nordrhein-Westfalen hat uns gebeten, die folgenden Zeilen zu veröffentlichen, da eine sinnentstellende Berichterstattung, die in vielen Zeitungen veröffentlicht worden ist, einen völlig falschen Eindruck von seiner Einstellung zu dem deutschen Ostproblem hervorgerufen habe.

Die beiden Reden, die ich in Anholt und Köln am 8. Mai und 6. Juni gehalten habe und in denen auch das Problem der deutschen Ostgebiete behandelt worden ist, haben Zustimmung und Ablehnung ausgelöst. Für die Zustimmung bin ich dankbar, über die Ablehnung bin ich nicht unglücklich. Mit den Einwänden möchte ich mich heute beschäftigen.

Um diskutieren zu können, muß man wissen, was ich gesagt und was ich nicht gesagt habe. Einige deutsche Blätter, immer noch in ihrem Raum beschränkt, haben Auszüge aus meiner Kölner Rede verbreitet, die den Inhalt unrichtig wiedergeben. Es ist mir gesagt worden, es handele sich dabei um wahltaktische Manöver. Diesen Vorwurf mache ich mir nicht zu eigen. Ich weiß, daß die politische und menschliche Anteilnahme für unsere ostvertriebenen Mitbürger einen solchen Mißbrauch ihrer seelischen und materiellen Not für jeden anständigen Deutschen ausschließt.

Ich habe nicht gesagt, daß ich eine gemeinsame deutsch-polnische Verwaltung der zur Zeit unter, polnischer Auftragsverwaltung stehenden deutschen Ostgebiete befürworte. Das geht schon daraus hervor, daß ich eine Änderung in der Terminologie unserer Zonenbezeichnung bereits in Anholt vorgeschlagen habe. Ich habe gesagt, – daß es nicht angehe, Mitteldeutschland als „Ostzone“ zu bezeichnen. Das von der Sowjetunion besetzte deutsche Gebiet sollten wir fortan „Mittelzone“ nennen und unter „Ostzone“ sollten wir die deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße verstehen, die auch nach amtlicher Feststellung der Alliierten nach wie vor deutsches Staatsgebiet sind. Dementsprechend habe ich in Köln erklärt: „Das deutsche Volk kann und wird das deutsche Gebiet jenseits von Oder und Neiße nicht freigeben. Im Gegensatz zu einer uns fremden Staats- und Weltauffassung erkennen wir in der ‚Heimatliebe ein großes soziales Ordnungsprinzip an, und wir werden dafür einzutreten wissen, daß auch diejenigen dies anerkennen, denen die Neuordnung der Verhältnisse in unserem gequälten Erdteil obliegt.“

Nun bin ich allerdings der Meinung, daß mit den Mitteln, die der klassische Souveränitätsbegriff entwickelt hat, die Neuordnung Europas nicht bewerkstelligt werden kann. Es müssen neue Wege gefunden werden, die aus der heillos verfahrenen Lage herausführen, in die uns der Hitlerismus gebracht hat. Ich sagte: „Diejenigen, die dem Haß staatserhaltende und staatsbildende Eigenschaften zuschreiben, befinden sich auf einem gefahrvollen Irrwege.“ In diesem Zusammenhang habe ich den Gesellenvater Kolping zitiert, der seine bahnbrechende Lehre zur Schaffung eines neuen Sozialethos unter die Parole stellte: „Lautere, hingebende, alle Verhältnisse umfassende und durchdringende Liebe muß wieder zu Felde ziehen und sie muß die Welt erobern.“ Unter Anlehnung an dieses Wort habe ich darauf verwiesen, daß die Ostgebiete unseres deutschen Vaterlandes nur sehr oberflächlich und unorganisch mit neuen Siedlern polnischer Abstammung unter den Pflug genommen worden seien: „Sollte sich nicht eine Lösung finden lassen, die eine echte Wiederbesiedlung dieses Bodens ermöglicht, ohne daß wiederum Millionen von Menschen unglücklich gemacht werden? ... Übersehen wir aber nicht, daß das Problem der Millionen deutscher Ostvertriebener nicht nur ein deutsches, sondern ein europäisches Problem ist. Europäisch insbesondere hinsichtlich seiner geistigen, sozialen und politischen Auswirkung. Nach Lage der Verhältnisse kann dieses Problem nicht zwischenstaatlich, sondern nur europäisch, das heißt, durch die Gemeinschaft der europäischen Nationen gelöst werden, die unter dem Gebot der abendländischen Geisteshaltung steht. Wenn wir es also mit dem europäischen Gedanken ernst meinen, dann müssen wir trotz der hinter uns liegenden Schrecknisse versuchen, mit unseren polnischen Nachbarn in einer Weise zusammenzuleben, die es ausschließt, daß der Streit um das Land wiederum zu eine? blutigen Auseinandersetzung führt.“ Ich sprach von einer heroischen Anstrengung, den Haß zu besiegen und den Kampf gegen die gemeinsame Not im neuen Geiste zu organisieren. „Ist eine solche Bereitschaft nicht eine wichtige psychologische Voraussetzung für eine Lösung, die aus den schöpferischen Ordnungskräften Europas kommen muß?“ Sicher handele es sich um Gedanken, die vielleicht revolutionär anmuten, aber revolutionär nicht in dem Sinne, daß Tod und Umsturz Voraussetzungen für eine angeblich lichtere Zukunft sein sollen, sondern revolutionierend in Bezug auf Herz und Verstand. Voraussetzung für die praktische Durchführung eines so gewaltigen Programmes sei, daß die europäischen Begriffe von der Freiheit der Person und des Gewissens die unantastbare Grundlage abgeben müssen für das, was geschaffen werden soll: „Niemals kann eine fremde Ideologie der Gewalt und der Verneinung der menschlichen Persönlichkeit hingenommen werden, wenn ein neuer Geist in den Beziehungen zwischen Deutschen und Polen geschaffen werden soll. In diesem Punkte sind wir unerbittlich.“