Dreiundsechzig Jahre ist sie alt und widmet sich noch immer dem „vornehmsten aller Sporte“: Die „Kieler Woche“. Eigentlich ist es verboten, es laut zu sagen, denn keiner der beteiligten Parteien hört es gern. Es waren Hamburger Segler, die etwa in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Kieler Revier entdeckten. Ausgerechnet Hanseaten also, die den internationalen Stein an der Ostsee ins Rollen brachten. 1895, im Jahre der Kanal-Einweihung, findet man schon den Namen des Kaisers, die unleserlichen Namen von Mitgliedern des englischen und die unaussprechlichen Namen von Mitgliedern des japanischen Herrscherhauses in den Listen des „Kaiserlichen Yacht Clubs“. 1914 war ein britisches Geschwader die Attraktion der Kieler Woche – bis die Schüsse von Sarajewo die Segler auseinanderscheuchten. Im Olympiajahr feierte die „Segler-Woche“ dann den letzten gesunden Geburtstag in einer bald todwunden Stadt. Nun segeln sie wieder, auf der Förde, vor Laboe und „rund um Fehmarn“.

Ohne Kaiser, ohne Führer, hatten die klugen Kieler Stadtväter vor die diesjährige Woche ein modernes Vorzeichen gesetzt. „Während sie vor dem letzten Weltkrieg völlig vom Segelsport beherrscht wurde, soll sie in diesem Jahr in erster Linie ein Bekenntnis zur Völkergemeinschaft sein.“ So stand es in der Zeitung. Und wirklich, ein jeder tat in dieser Hinsicht das Seine. Die Stadt veranstaltete Leistungsschauen, Vorträge und Motorradrennen – alles trug internationalen Charakter. Die Engländer stellten für eine Woche die Sprengungen im Hafen ein – zum Zeichen der Verständigung. Die Oper spielte den „Fliegenden Holländer“ – in „Verbundenheit“ mit den Seglern vor den Toren der Stadt. Und die Finanzverwaltung drückte jedem Gast der Stadt mit einer „Kieler-Woche-Mappe“ 10 DM als „Notgroschen“ in die Hand – vermutlich zum Beweis dafür, daß heute noch Wunder geschahen. Wer wollte da nicht auch auf eine Völkerverständigung hoffen.

Die Stadt hing wieder einmal voller Fahnen; glücklicherweise lauter verschiedene. Allein sogar sie gaben manches Rätsel auf. Tippte man auf Uruguay oder Afghanistan, dann waren es gewiß die Farben von Nordrhein-Westfalen und von Niedersachsen. Der prominenteste „ausländische Gast“ aber, wenn man das Aufgebot von Rundfunk-, Wochenschau- und Pressereportern zum Maßstab macht, sprach unverfälschtes Platt: Graf Luckner war mit einer Jacht aus Schweden gekommen.

Außer den Ausländern gab es noch Engländer, Jedoch keiner von ihnen ging an den Start, obgleich ihr Hafen voller Boote lag. Voller einstmals deutscher Boote allerdings, um derentwillen, so erzählt man sich, schon die Flensburger Woche ins Wasser gefallen ist. Die Deutschen wollten nicht gegen ihre eigenen Boote segeln. Und dieses Mal? „Sie haben eben doch viel Takt“, meinte ein Hamburger mit einem Blick hinüber zum Oxford-Club. „Oder ein schlechtes Gewissen“, warf einer der wenigen nach Kiel gekommenen Ausländer ein.

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Trotz alledem: Es wurde auch gesegelt. Es wurde großartig gesegelt. Über 150 Boote lagen im Jachthafen, ein ausgesprochen eleganter Mastenwald. Die Zeit der Schonerjachten, „Sonderlinge“ und 23-m-R-Klasse, die Zeit der bezahlten Mannschaften, wie es sie noch vor einem Menschenalter gab, ist endgültig vorüber. Drachen, Jollen und Starboote fuhren die Kieler Regatten, flogen mit Geschick und aller vorhandenen Leinwand vor dem Juniwind, dem schönsten Wind des Jahres, über die kappelige Förde dahin Jeder segelte sein Boot selbst. Jeder und – jede. Denn es gab auf vielen Booten Mädchen. Mit triefenden Haaren und zerschundenen Händen kamen sie von den Regatten zurück, machten mit Sandpapier und Stearin ihre Boote „schnell“, aßen zwischendurch mit den „Männern“ ohne vorgeschriebenen Klubanzug einen Bissen im Klub. Snobs kamen nicht auf ihre Kosten. Sie segelten wieder? Sie segelten echter denn je! C. J.