Von Josef Marein

Der berühmte französische Knabenchor „Les petits chanteurs à la croix de bois“ bereist Deutschland. Nachdem die Sängerknaben, die weiten Kreisen vor allem durch den Film „Der Nachtigallenkäfig“ bekannt wurden, die französische Besatzungszone besucht haben, treten sie in diesen Tagen von Hamburg aus ihre Konzertreise durch die britische und amerikanische Zone an; Mitte Juli werden sie zum Abschluß ihrer Deutschland-Fahrt in Berlin konzertieren.

Sie haben den künstlerischen Rang der „Wiener Sängerknaben“, aber sie haben einen längeren Titel: „Les petits chanteurs à la croix de bois“, zu deutsch: „Die kleinen Sänger mit dem hölzernen Kreuz“. Sie heißen so, weil sie ein kleines hölzernes Kreuz auf der Brust über ihren weißen Chorhemden tragen. In den Hälsen die aus Kragen Kragen hervorlugen, haben sie Nachtsgallenkehlen, und darüber muntere, kecke Jungengesichter, deren Augen fröhlich blicken, wenn altfranzösische Madrigale und fromm, wenn Chöre Palestrinas gesungen werden. Es gibt nichts Rührenderes als Knabenstimmen, wenn sie tonrein klingen; es gibt nichts, was auf freundliche Weise mehr ergreift als der Anblick singender Kinder, die fromm und ungezwungen sind. Darum ist es ja auch ein zärtliches Wort, das von den Regensburger „Domspatzen“ spricht; und immer auch schwingt Zärtlichkeit mit, wenn der Kölner den Knabenchor seiner Kathedrale soviel humorvoller und derber „Domschreier“ nennt. „Les petits chanteurs“... so äußert sich die Liebe in Paris.

Sie haben wohl denselben Rang, nicht aber dieselbe Tradition wie die „Wiener Sängerknaben“. Diese gehörten zum Hofe des Kaisers, viele hundert Jahre lang, zu einem der glänzendsten Höfe Europas; jene kommen aus dem Pariser Arbeiterviertel Vaugirard, wo arme Leute wohnen, die nicht viel Zeit haben, sich um ihre Kinder zu kümmern. Die Straßenjungen von Vaugirard sind „keß“ wie Kinder aus der Elsässer Straße zu Berlin, frech wie sie, glücklich wie sie über jeden Sonnenschein, der in die engen Mietshausschächte dringt; obendrein sind sie charmant. (Sonst wären sie – jeder Freund dieser Stadt wird es bestätigen – keine Pariser Kinder.) Man kann also weder von alter Tradition sprechen, noch sollte man ein so gewichtiges Wort wie Gründung anwenden –: ein junger Geistlicher, der zugleich Musiker von Talent und Passion war, wurde Anno 1907 nach Vaugirard verschlagen, wo es solche armen, ungezügelten, aber unentwegt musikalisch zwitschernde Rangen gab. Er hat seine „Petits Chanteurs“ regelrecht zusammengetrieben, hat sie durch die Musik gezähmt, durch die Musik und für die Musik. Wer den meisterhaften Film „Nachtigallenkäfig“ (La cage aux Rossignols) sah, wird sich erinnern, daß dort ein junger Lehrer ähnlich handelt –: insoweit haben die „Petits chanteurs“ episodisch einen Charakterzug ihrer eigenen Geschichte dargestellt. Übrigens hat es lange gedauert, ehe sie berühmt wurden, ganz einfach deshalb, weil sie nicht auf die Idee kamen, berühmt werden zu können ...

Ihr Leiter und geistlicher Vater, Abbé Maillet, hat ein bezauberndes Buch in zwei Bänden über seine „Nachtigallen“ geschrieben (erschienen 1946 und 1948 bei Flammarion, Paris). Und zwar ist das Buch deshalb bezaubernd, weil dieser katholische Geistliche zwar voller Stolz und Liebe, aber ohne jede Feierlichkeit und Frömmelei erzählt. Er läßt den kleinen Künstlern der „Manecanterie des petits chanteurs“ ihren menschlichen Wert –: den Rang von liebenswürdigen, ebenso idealistisch wie realistisch denkenden Taugenichtsen.

Wie sie berühmt wurden? Dreiundzwanzig Jahre hatten die kleinen Sänger vornehmlich in Kirchen gesungen, als Anno 1930 ein unbekannter Herr namens Gastoué ihnen einredete, sie müßten ein Konzert im Gaveau-Saal geben. Sie sagten nur zögernd zu und hatten nicht den geringsten Erfolg. „Das Parkett war leer wie eine Wüste“, erzählt Abbé Maillet. „aus der einzelne Besucher wie Palmen hervorragten.“ Und trotzdem wagte ein gewisser Herr Hébertot, ihnen ein neues Konzert vorzuschlagen.

„Ich begreife das Pariser Publikum nicht!“, ereiferte er sich zu Abbé Maillet. „Warum, zum Teufel, ist kein Mensch gekommen? Ich habe im Parkett gesessen...“