Die Heftigkeit, die der permanente Konflikt zwischen tschechische Regierung und katholischer Kirche in den letzten Tagen erreicht hat, läßt befürchten, daß dem Fall Mindszenty nun bald ein Fall Beran folgen wird. In einem gewissen Sinn hat dies der Prager Erzbischof bereits vorausgesagt, als er im Strachower Kloster vor einer mehrtausendköpfigen Menge erklärte, keine Ankündigung der Regierung, daß er ein Geständnis abgelegt oder einen Vertrag abgeschlossen habe, der die Rechte der Kirche oder der Bischöfe beeinträchtige, dürfe geglaubt Werden, falls sie eines Tages veröffentlicht werden sollte. Selbstverständlich hatte der Kirchenfürst wesentliche Gründe, eine solche Erklärung abzugeben. Am Tage zuvor hatte eine Haussuchung im erzbischöflichen Palais stattgefunden. Kommissare der Regierung waren bei den charitativen Verbänden und den Erziehungsorganen der Kirche aufgetaucht. Die letzte katholische Publikation, das Diözesanblatt, das sogar das Dritte Reich überlebt hatte, war verboten worden. Schon auf dem kommunistischen Parteitag im Mai war die bevorstehende Krise abzusehen gewesen. Nicht weniger als drei verantwortliche Minister hatten dort mit deutlichem Hinweis auf die Kirche von „unmodernen; Einrichtungen“ und „Anachronismen“ gesprochen, deren man sich entledigen werde. Kurz darauf war eine von der kommunistischen Regierung gegründete „Katholiche Aktion“ aufgetreten, die unter Mißbrauch dieses den Katholiken vertrauten Namens die Gläubigen teils durch Täuschung, teils durch Zwang gegen ihre eigene Kirche auszuspielen versuchte, und deren Organ sich nicht scheute, die Bischöfe als „isolierte Individuen innerhalb der Kirche“ zu bezeichnen. So war die Erklärung des Erzbischofs Beran nichts anderes als eine flucht in die Öffentlichkeit/die allerdings durch eine umfangreiche Kampagne der kommunistischen Regierungspresse gegen die Kirche bereits einigermaßen vorbereitet war. Diese Erklärung konnte Beran noch in relativer Freiheit abgeben. Der Hirtenbrief jedoch, den er am nächsten. Tage folgen ließ und in dem er die staatlichen Zwangsmaßnahmen gegen die Kirche im einzelnen schilderte, durfte nicht mehr von den Kanzeln verlesen werden. In diesem Hirtenbrief werden die Leiter und Hintermänner der „Katholischen Aktion“ exkommuniziert. Der Vatikan hat die Exkommunizierung inzwischen bestätigt und auf die katholischen Mitglieder der tschechischen Regierung ohne sie allerdings mit Namen zu nennen ausgedehnt.

Wenn auch die Tschechoslowakei nicht ein katholisches Land wie etwa Bayern, Österreich oder Italien ist, weil vor allem in Böhmen das Hussitentum nie ganz überwunden wurde, so ist doch sicher, daß sich die kommunistische Regierung mit dem Kirchenkonflikt, je schärfer sie ihn führt, desto unabsehbarere Schwierigkeiten auflädt. Warum sie dies tut – diese Frage wurde uns seinerzeit auch in Deutschland gestellt und später in Jugoslawien und Ungarn, als der Agramer Erzbischof Stepinaz und der Budapester Kardinal Mindszenty eingekerkert wurden. Ein totalitäres System ist eben, ob nationalsozialistisch oder kommunistisch, seiner Natur nach genötigt, den – auf lange Sicht aussichtslosen – Kampf gegen die Kirchen aufzunehmen. Der Totalitarismus kann nämlich, unter Anwendung von Gewalt und Einsetzung von Kommissaren, jede wie immer, geartete Organisation gleichschalten – nur die Kirche nicht. Das liegt daran, daß die Kirche nicht bestehen kann, ohne bestimmte Moralgrundsätze zu vertreten, deren Beseitigung, eben das Wesen des Totalitarismus ist. Im Kirchenkonflikt ist der Kampf zwischen dem totalen und dem Rechtsstaat geradezu auf seine einfachste Formel gebracht. Deshalb kann keine totalitäre Regierung auf die Dauer der Versuchung widerstehen, ihre überlegenen Mittel gegen die Kirche anzuwenden, um nach einiger Zeit erbittert festzustellen, daß sie nichts erreicht hat. Das geschieht jetzt, fünfzehn Monate nach der kommunistischen Machtergreifung, auch in der Tschechoslowakei. Als Pate stand dem Unternehmen der zufällig – oder nicht so zufällig? – in Prag anwesende ungarische Kommunistenführer Rakosi zur Seite, der mit seinen Erfahrungen aus dem Mindszenty-Prozeß prunkte und die dubiose Erklärung abgab, daß der jüngste Wahlerfolg der ungarischen Kommunisten auf das Urteil gegen den Budapester Kardinal zurückzuführen sei. Seine Prager Parteigenossen werden sich noch wundern, welche „Erfolge“ sie mit dem Kampf gegen den Katholizismus in den nächsten Jahren erzielen werden... P. E.