F. G. Rom, im Juni

Der Prozeß, des kommunistischen Senators D’Onofrio in Rom beginnt Formen und Ausmaße des Kravchenko-Prozesses anzunehmen. Natürlich schlägt er im Ausland weniger hohe Wellen, weil er im Grunde nur ein interner „Krach im Hinterhaus“ ist, eine Auseinandersetzung zwischen Italienern und Italienern – aber auch in seinem Vorhofe stehen die Sowjetrussen und ihre bolschewistischen Methoden. Eine dramatische Atmosphäre herrscht in der größten Aula des römischen Schwurgerichts. Schon wunden sich niemand mehr. über das grauen, das aus der Flut der Zeugenaussagen spricht: über die Fälle von Kannibalismus, zu dem der Hunger die italienischen Kriegsgefangenen in Rußland gezwungen hat, über die Seuchen, die zuweilen 90 bis 95 v. H. der Unglücklichen hinwegrafften. „Ich selbst“, sagte der Franziskanerpater Giuseppe Fiore, Kaplan des 8. Alpini-Regiments und ehemaliger Internierter im Lager von Kimowaja, „bin Zeuge eines fürchterlichen Schauspiels gewesen, als mir ein italienischer Soldat in einem Blechnapf das? Herz eines verhungerten Kameraden bot.“

Die Tragödie des „Italienischen Expeditionskorps Rußland“ begann in jenen Januartagen des Jahres 1943, in denen im Don-Raume die rumänische, die 4. und 6. deutsche und die italienische Armee hintereinander von den Bolschewiki zerschlagen wurden. Zwischen Pawlowsk und Mitrafonowka stand das Armeekorps der Alpini mit seinen vier Divisionen. Am 15. Januar griffen die Sowjets den Frontabschnitt des 24. deutschen Armeekorps an, sie besetzten Waluiki, 100 km im Rücken der Alpini, und schlossen sie ein. Die Generale und die Obersten wurden gefangen genommen oder fielen, die Kompanien fluteten aufgelöst zurück. Von 50 000 Soldaten retteten sich weniger als 15 000. Von den 10 000 Infanteristen der Division „Vicenza“ erreichten kaum 1000 das Land hinter der Front. Der große Marsch in die Gefangenschaft begann. 73 000 italienische Gefangene haben ihre Heimat nicht wiedergesehen,

Im Frühjahr 1948 wenige Wochen vor den nationalen Wahlen – veröffentlichten der ehemalige Artillerieleutnant Dal Toso von der Division „Cuneo“ und der ehemalige Infanterieleutnant Avalli von der Division „Sforza“ ein Büchlein mit dem Titel „Rußland“. In ihm werden die Leiden der italienischen Gefangenen in den sowjetischen Lagern sorgfältig aufgezeichnet und der italienischen Öffentlichkeit bekanntgegeben, in einem besonderen Kapitel aber wird der kommunistische Senator D’Onofrio, Exil-Italiener in Rußland und heute Mitglied des Direktoriums der KPI, angeklagt, während des Krieges in den Kriegsgefangenenlagern Oranki und Sidi italienische Gefangene in Gegenwart eines Offiziers der NKWD „Verhören bis zur Entkräftung“ unterzogen haben, Verhören, die viele Stunden hindurch andauerten, und nach denen zahlreiche Verhörte in Straflager versetzt wurden und auf immer verschwanden. Nach Meinung der Autoren hätte D’Onofrios Tätigkeit im Dienste der NKWD ein doppeltes Ziel gehabt: den letzten physischen und moralischen Widerstand der bereits vollkommen entkräfteten Gefangenen zu brechen und sie mit dem Mittel der Einschüchterung zu zwingen, an den bolschewistischen „Wiedererziehungs“-Kursen teilzunehmen,

Seit dem Erscheinen des Buches hat das Problem der Kriegsgefangenen in Rußland immer neue Kreise der Empörung in der italienischen Öffentlichkeit gezogen. Das Parlament diskutierte einige Tage, darüber: aber die „Dunklen Laden“ – die Stellen des Hauptquartiers der KPI – die bestimmt etwas wissen, machten dem düsteren Schweigen der Sowjetbotschaft Konkurrenz. Zwölf Italiener seien in Rußland, die als Kriegsverbrecher abgeurteilt würden, teilte die Kremlregierung mit. „Wo sind die 73 000 anderen?“ riefen verzweifelte Mütter und Frauen. Als die Angriffe auf D’Onofrio immer schärfer Wurden, ging er zur Taktik der Verwegenheit über, nach der der Gegenangriff die beste Verteidigung sei: er verklagte die Autoren des Büchleins „Rußland“ wegen Verleumdung.

Das hätte er nicht sollen – denn nun kam er vom Regen in die Traufe. Seinen Feinden gelang es vom ersten Prozeßtage an, die Anklage in eine Gegenklage zu verwandeln und sie zum Drama zu gestalten. Aus allen Teilen der Halbinsel sind mehr als 100 Zeugen nach Rom gekommen, um die Darstellungen der Leutnants Dal Toso und Avalli zu bestätigen; unter ihnen sind etliche Militärkapläne, deren Aussagen niemand in Italien zu bezweifeln wagt. „D’Onofrio verhörte viele Offiziere“, sagte Pater Fiore, „und allen, die sich der kommunistischen Propaganda nicht beugen wollten, wurde Vergeltung angedroht. Dem Leutnant Magnani wurde gesagt, daß, wenn er so weitermache, auch seine Familie in Italien ausgemerzt werden würde.“ Und ein anderer bezeugte: „D’Onofrio drohte dem Leutnant loli, mit seinen Ideen werde er bestimmt nicht nach Italien zurückkehren; das möge er auch den anderen sagen, die so dächten wie er. Magnani und loli sind in Rußland geblieben, verschollen.“ – „D’Onofrio fragte mich, welches meine politischen Ideen seien“, sagte der Priester Don Franzoni aus, „und ob ich die Ideen der Gefangenen kenne, die zu mir zur Beichte kämen. Ich schwieg. Zwei Stunden lang dauerte das Verhör. Bevor er mich entließ, sagte mir D’Onofrio, am Italien wiederzusehen, müsse man sich den neuen Zeiten‘ anpassen.“

Es wird den Richtern schwerfallen, ihren Spruch zu finden... Aber ist das Urteil nicht schon gefall en? 73 000 Verschollene haben es gesprochen. D’Onofrio wird nicht wagen, auch ihnen wegen Verleumdung einen Prozeß zu machen.