Zum zweiten Male nach zehnjähriger Unterbrechung zeigt die westdeutsche und Berliner Damenoberbekleidungs-Industrie von Ende Juni ab in Hamburg (27. 6. bis 2. 7.), Frankfurt (27. 6. bis 9. 7.), Stuttgart (27. 6. bis 15. 7.), Gelsenkirchen (3. 7. bis 10. 7.), Krefeld (ab 4. 7.) und Düsseldorf (7. 7. bis 14. 7.) ihre neuen Kollektionen für die kommende Saison.

Bei diesen Vorführungen handelt es sich nicht um „Modenschauen“, wie sie in der letzten Zeit immer häufiger von Firmen des Einzelhandels, des Modenhandwerks oder von Modensalons, manchmal auch von Werbebüros oder anderen Unternehmern öffentlich veranstaltet werden. Während sich diese an die Kundschaft oder – wie dies bei den Vorführungen Pariser Häuser in Westdeutschland (Maggy Rouff in Düsseldorf, Jean Lanvin in München und – demnächst – Jacques Fath in Krefeld) der Fall ist – an modisch interessierte Kreise wenden, sollen die Kollektionsschauen der Bekleidungsindustrie, die nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind, dem Textillhandel sinen Übsrblich über die Leistungsfähigkeit, die Erzeugnisse, die Preislagen und die Liefermöglichkeiten geben.

Selbstverständlich spielt bei diesen Vorführungen auch das modische Element eine erhebliche Rolle, was bei Damenoberbekleidung auch gar nicht anders sein kann. Aber es ist nicht Selbstzweck,-wie etwa bei den Modenvorführungen der Pariser Haute Couture, bei denen es nicht auf den Verkauf, sondern darauf ankommt, die Pariser Modelinie, zu zeigen und für die Weltstadt der Mode und ihre Modensalons zu werben. Vielmehr geht schon aus der Bezeichnung „Verkaufswoche“, welche die Kollektionsvorführungen tragen, eindeutig hervor, daß der Schwerpunkt im Verkauf liegen soll. Verkäuflich ist aber heute in großen Serien, wie sie von der Bekleidungsindustrie schon aus Gründen einer rationellen Produktion aufgelegt werden müssen, nur das, was in breiten Verbraucherkreisen absetzbar ist, also eine in Preis und Ausstattung vorteilhafte und ansprechende Ware. Daneben hat natürlich auch die teurere Modellware ihren Platz, die von den hochmodisch eingestellten Spezialgeschäften des Textileinzelhandels verlangt und geführt wird. Aber ausschlaggebend für die Umsätze der „Verkaufswochen“ wie für die Belegung. der Bekleidungsindustrie mit Aufträgen ist das sog. Mittelgenre, also die für Kundinnen mit durchschnittlichem Einkommen in Betracht kommende Ware.

Gegenüber den ersten Vorführungen nach dem Kriege im Frühling dieses Jahres ist denn auch in dieser Richtung eine erhebliche Erweiterung des Rahmens der Kollektionsvorführungen erkennbar, und zwar hinsichtlich der Zahl der teilnehmenden Firmen, wie auch des Genres der gezeigten Ware. Was damals zum Beispiel von der IGEDO in Düsseldorf als Ziel bezeichnet wurde, nämlich die Entwicklung eines guten Mittelgenres aus der Modellkleidung oder die Produktion eines Leistungskleides, das modisch vorbildlich, technisch einwandfrei, im Preis außergewöhnlich niedrig und mit der Jedermann-Ware in jeder Beziehung wettbewerbsfähig sein müsse, dürfte jetzt in breitete Maße Wirklichkeit, werden.

Daß die Hauptvorführungen an. sechs (teilweise sogar „benachbarten“) Orten stattfinden, mag noch als Anzeichen einer erst in der Entwicklung befindlichen Spezialisierung der einzelnen Schauen auf bestimmte regionale oder genremäßig erforderliche Schwerpunkte angesehen werden. Gewiß wäre, besonders vom Standpunkt des Einkäufers aus, eine schärfere Konzentration wünschenswert, der jedoch, im Augenblick allein schon praktische Hinderungsgründe im Wege stehen, da nämlich die Platzverhältnisse bereits jetzt nicht mehr ausreichen, um der großen Zahl

von Firmen, die sich alle beteiligen möchten, genügende Ausstellungsräume verfüglich zu machen. Es ist aber auch die Frage, ob nicht selbst später, neben den drei besonders zahlreich beschickten und in ihrer Bedeutung gravierenden Städten (Hamburg, Düsseldorf und Frankfurt) Sondervorführungen berechtigt sein werden, wobei zum Beispiel Krefeld, das als Stadt der Modellspitze und Haute Couture Namen und Tradition hat, und Gelsenkirchen, mit dem Schwerpunkt auf der Ware für breitere Verbraucherschichten und als Nachfolger des „Breslauer Genres“, als charakteristische Gegenpole zu nennen wären.

Das soll nicht besagen, daß sich die übrigen Vorführungen etwa „in der Mitte“ bewegten. Besonders an den drei Hauptplätzen wird sich vielmehr jene gesunde und reiche Mischung ergeben, die sowohl dem gepflegten Spezialgeschäft wie dem etwa im Zentrum einer Großstadt gelegenen Kaufhaus interessante Anregungen und Angebote vermittelt. Im Gegensatz zu den Frühjahrsvorführungen wird dabei der Wettbewerb der Fabrikanten untereinander viel ker in Erscheinung treten. Vor allem steht im Hinblick auf die inzwischen weiter verbesserte Rohstoff- und Materialversorgung auch zu erwarten, daß die vom Einzelhandel getroffenen Dispositionen rechtzeitig realisiert und hinter den Angeboten entsprechende Liefermöglichkeiten stehen werden. Das wäre besonders für die von breiten Käuferschichten gesuchte Ware zu wünschen, und zwar nicht allein im Interesse eben dieser Verbraucherkreise, sondern auch des Textileinzelhandels, der kurz nach Beendigung der Kollektionsvorführungen in den Sommerschlußverkauf eintritt, der erstmals seit Kriegsbeginn wieder abgehalten wird. Erhält der Einzelhandel bei den Vorführungen die Gewißheit, in kuranter und preiswerter Ware prompt in Zukunft beliefert zu werden – mit großen modischen Veränderungen der durch einen gemäßigten „New look“ bestimmten Linie ist nicht zu rechnen –, so kann er in Preis, Qualität Ausrüstung und Stil überholte Artikel natürlich viel besser und reichlicher bei Saisonschluß zum Verkauf stellen und sich von ihnen rücksichtsloser trennen, als wenn er Nachschubsorgen für seine ohnehin noch nicht übermäßig reichlich sortierten Lagerbestände haben muß. Insofern werden also von den Kollektionsschauen unmittelbare Rückwirkungen auf das Verkaufsbild der nächsten Wochen ausgehen, während die auf ihnen gezeigte Ware im Einzelhandel und damit für den Verbraucher sichtbar erst zum eigentlichen Saisonbeginn, der früher in zahlreichen Großstädten einheitlich und mit einer entsprechenden Werbung Anfang September eingeleitet wurde, auftauchen wird.

All diese Umstände verdienen im Zeichen eines verstärkten Wettbewerbs sorgfältige Beobachtung und verlangen die Anknüpfung neuer Beziehungen, die Sondierung eines wenigstens teilweise unbekannt gewordenen Geländes, die pflegliche Zusammenarbeit mit demjenigen Wirtschaftszweig, des nicht nur die produzierte Ware verkaufen soll, sondern der auch das Ohr am Verbraucher hat, seine Wunsche, seine Geschmacksrichtung, seine Kaufgewohnheiten und seine wirtschaftliche Situation durch tägliche Verkaufsgespräche am besten kennt. Es ist heute nicht mehr so, daß die Ware auf jeden Fall gekauft würde. Zwar bestehen noch Mangellagen, aber gerade in Oberbekleidung bestimmen nicht mehr sie, sondern die Kaufkraft des Verbrauchers und seine Neigungen den Markt. Die Breite des Angebots ermöglicht dem Handel eine vorurteilslose Auswahl Seine Dispositionen werden die weitere Entwicklung manches Fabrikationsbetriebes bestimmen, und es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß derjenige die größten Chancen besitzt, der es verstanden hat, modische Aktualität mit niedrigster Preisstellung zu verbinden. B. Schnoepf