Cottbus, Forst und Guben waren einst Textilzentren von Weltruf. Heute fallen diese Städte unter das lapidare Gesamturteil: eine Konkurrenz für die westdeutschen und westlichen Textilindustrien stellen fast alle Weberzeugnisse der Ostzone nicht dar. Die Gründe? Da ist einmal der Mangel an Qualitätsrohstoffen wenn die Wolle fehlt, können die Wollstoff-Industriezentren der Niederlausitz ihre alte Leistungsfähigkeit nicht wieder erreichen. Dann die Musterung: wo ein Weltruf wiedergewonnen und wo für die Welt produziert werden soll, muß man die Weltsituation kennen. Es fehlt aber an jeglichen Musterinformationen über Lage und Tendenzen auf den Weltmärkten. Was dabei herauskommt, sind Muster, die eben noch derzeitigen ostdeutschen Ansprüchen gerecht werden – kaum wirkliche Neuheiten, sondern höchstens die traditionell bekannten Kollektionen.

Über die industrielle Ausrüstung spricht ein Beispiel Band? hinsichtlich des Zustandes der gesamten Textilindustrie dieses Raumes: die „Vereinigten volkseigenen Betriebe Spinnweber“ haben den Cottbuser Volksbetrieb Prior „auf Grund seiner überragenden Qualitätsleistung“ zum Spitzenbetrieb in der brandenburgischen Textilindustrie erklärt. Mit Stolz wird dazu verkündet: „Aus den Trümmern anderer Betriebe wurden ein Krempelsatz und ein Reißwolf sowie sechs Webstühle geborgen, deren Aufstellung eine weitere Qualitätsverbesserung und Leistungssteigerung des volkseigenen Betriebes Prior’zur Folge haben wird“. Wenn vier Jahre nach der Niederlegung der Waffen bei einem volkseigenen Spitzenbetrieb noch in dieser Weise „aufgebaut“ werden muß, bedarf es keiner näheren Erläuterung, wie die Dinge dann erst bei den anderen Betrieben aussehen.

Der Strukturwandel der Wirtschaft in formaljuristischer Beziehung und als Ausdruck der derzeitigen Machtverhältnisse wird in der Niederlausitz auf Schritt und Tritt deutlich. Alte Firmennamen von gutem Klang sind verschwunden, wenn auch nicht ihre Betriebe. Die weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte Tuchfabrik C. G. Jäger, Cottbus, muß man so z. B. unter der Kennzeichnung „Volkseigene Cottbuser Wollwarenfabrik“ und die Tuchfabrik Jürß & Elger, Cottbus, unter der Bezeichnung „Volkseigenes Tufa-Werk I“ suchen. Ein Ende der Tendenz zu den volkseigenen Betrieben ist nicht abzusehen. Manchmal sieht es zwar so aus, als ob man zu Konzessionen bereit wäre. Zeitlich mag dies zuweilen zutreffen, im Prinzip aber nicht. Daher muß man taktische Manöver von einer grundsätzlichen Sinnesänderung unterscheiden, von der nicht die Rede sein kann. So wurde erst kürzlich wieder verlangt, daß die Tuchfabrik Salefski & Raabe in Guben volkseigen werde, „da die Fabrik zu 50 v. H. geflüchteten und enteigneten Kapitalisten gehörte“.

Immerhin ist es jedoch so, daß auch die derzeitigen Machthaber in der Ostzone die Textilindustrie von Cottbus, Forst und Guben nicht zerschlagen, sondern entwickeln wollen. Die Frage ist, ob ihr Wirtschaftssystem dazu geeignet ist. Günstig wirkte sich das Vorhandensein des alten Facharbeiterstamms und der Tradition aus. Mit kümmerlichen Mitteln und Methoden wird in jedem Fall das Fundament gehalten, auf dem einst wieder eine wirklich konkurrenzfähige Textilindustrie entstehen könnte. Wichtigste Voraussetzungen dafür bleiben die Versorgung mit Qualitätsrohstoffen und die Aufhebung der Abschließung vom Weltmarkt. Wi.