E. G. London, Ende Juni

Wenn seit Jahrhunderten Whisky und Tweed in Schottland hergestellt worden sind, so hat das seinen guten Grund, und man sollte höchstens einen Überschuß exportieren, nicht aber, die ansässige Bevölkerung ihrer Erzeugnisse berauben, damit Amerikaner in der kalifornischen Wärme von Los Angeles schottischen Whisky trinken und schottischen Tweed tragen können, die im kühlen schottischen Klima viel nötiger sind. Von J. B. Priestley, einem der weltgewandteren unter den britischen Schriftstellern, stammt dieser Ausspruch, und er hat hinzugefügt, daß zwar für die Welt der Wirtschaft dieses „wilde Exportieren“ vielleicht einen Sinn enthalte, für die wichtigere Welt vernünftiger Menschen aber sei es eine Idiotie. Gesunder Handel könne nur ein Austausch von Überschüssen sein, und wenn die Volkswirtschaftler das nicht einsehen könnten, so sollte man sie bei Wasser und Brot einsperren.

Nun, wäre die Sache mit dem Dollar so einfach zu lösen, wie es Priestley darstellt, so würden sich wohl noch heute eine Handvoll beherzter Männer finden, die bereit wären, die Volkswirtschaftler mit dieser Kost zu versorgen. Aber wie – lebt denn der „Mensch in der vernünftigen Welt“ wirklich nach diesem Prinzip? Ist er mit Whisky zufrieden nach getaner Arbeit – oder will er nicht auch Virginia-Zigaretten rauchen, baumwollene Hemden tragen und Brot aus amerikanischem Weizen essen? Und kostet das alles nicht heutzutage mehr Dollars, als sich selbst mit dem teilweisen Whisky-Verzicht in und Whisky-Export aus Schottland einbringen läßt?

Die Marshall-Hilfe soll ja an England – und 18 andere Staaten – vier Jahre lang genügend Dollars geben, damit Europa genügend Überschüsse, nicht nur an Whisky, der 7 Jahre zur Reife braucht, sondern auch an sonstigen Exportartikeln herstellen kann, mit denen es später seinen Bedarf aus Dollaria zu bezahlen vermag. Was die Amerikaner nach mehr als einem Jahr der Marshall-Hilfe beunruhigt, ist dreierlei: zu fragen sich erstens, ob sie fähig sein werden, die versprochenen Marshall-Dollars erst einmal selbst zu verdienen, da sie doch gleichzeitig auf eine Reihe von Möglichkeiten des Exports verzichtet haben, die dieses Verdienen hätte fördern können. Im Zeichen sinkender Preise und geringerer Kauffreudigkeit im eigenen Lande ist man unsicher geworden, und man fragt sich, ob man sich etwa übernommen habe. Sollte die Zurückhaltung der Käufer in den USA sich als eine länger anhaltende Übersättigung mit Waren erweisen, so müßte die Marshall-Hilfe eingeschränkt – oder doch auf eine Ausfuhr von Überschüssen (an Weizen, Baumwolle, Tabak) umgestellt werden.

Noch ist man in Washington dem Argument zugängig, daß Amerika nicht auf eine Krise zusteuere, sondern nur eine Normalisierung nach der fieberhaften Tätigkeit der Kriegs- und Nachkriegsjahre durchmache. Und so erhitzt man sich einstweilen noch über die beiden anderen Sorgen, ob nämlich Europa die Marshall-Hilfe richtig verwende und ob es auch die Versprechungen, seine Handelsbeschränkungen so bald als möglich aufzuheben, wirklich einzulösen gedenke. Zur richtigen Verwendung gehört es, daß die Marshall-Dollars nach einem einheitlichen Plan Investiert werden; wenn dagegen so ziemlich jedes Land Ölraffinerien bauen und Stahlwerke erweitern will, so bedroht das nicht nur die künftigen amerikanischen Ausfuhrabsichten, etwa in Afrika oder Südamerika, es verhindert auch das – so dringend notwendige – Niederreißen der intereuropäischen Handelsmauern. Um Westeuropa aus dem einschnürenden Korsett seiner Wirtschaftsgrenzen zu erlösen, bemüht sich Marshall-Botschafter Averill Harriman verzweifelt, hinsichtlich des neuen intereuropäischen Zahlungsabkommens, freie Beweglichkeit für die Hilfsleistungen innerhalb Europas durchzusetzen. Frankreich, Belgien, Holland, die Schweiz und die US-Vertreter Bizoniens sind dafür, England, Skandinavien und die englischen Vertreter Bizoniens sind dagegen. Wieder hakt es am Dollarmangel – oder an der Sucht, die seltenen Dollars zu bekommen. Englands Schatzkanzler Cripps beweist logisch, daß freie Beweglichkeit von europäischen Marshall-Zertifikaten dazu führen müßte, daß sie zu einem wesentlichen Teil über Frankreich nach Belgien strömen würden. Belgien aber könnte im Rahmen seiner Vereinbarungen mit England indirekt diese „Zertifikate“ in Dollar oder Gold aus Englands Tasche verwandeln. England muß zu jedem Dollarschwund nein sagen, und Belgien konnte sich vor seiner Parlamentswahl nicht auf langfristige Kreditgewährung an England festlegen, die ein Ausweg aus dieser Zwangslage gewesen wäre...

Vielleicht würde Harriman mehr auf den Belgier Spaak als auf den Engländer Cripps eingeredet haben, wenn die Briten nicht durch ihren langfristigen Argentinien-Vertrag, der die Meistbegünstigung für Fleisch und Öl umgeht, und allgemein durch ihre sozialistische Planungsfreudigkeit in den Verdacht geraten wären, der Wiederherstellung internationaler Handelsfreiheit nur ein Lippenbekenntnis zu zollen. „Die Engländer bekennen sich zwar zur freien Konkurrenz, aber sie wollen sie ohne Risiko“ – das ist nach amerikanischen Angaben die Haltung, die ein britischer Delegierter kürzlich bei Pariser Marshall-Verhandlungen gezeigt hatte.

Kurzfristig gesehen hat England sicherlich recht, wenn es auf Kostensenkung statt auf Abwertung drängt und wenn es seine Dollar- und Goldreserven hütet. Langfristig verspricht das von den Amerikanern verfochtene Prinzip der internationalen Handelsfreiheit jenen „Austausch von Überschüssen“, den Priestley richtig als die einzig gesunde Form des Handels erkannt hat. Die Zweifel an der britischen Bereitschaft, diese Freiheit anzustreben, beeinträchtigen mehr als alles andere die Hilfsbereitschaft des Kongresses gegenüber Europa. Nicht Wasser und Brot für die Volkswirtschaftler, sondern Übereinstimmung zwischen Theorie und Praxis der Politiker muß die Antwort auf die Dollarnöte sein – auch wenn mit ihr unpopuläre Forderungen verbunden sind, wie die, daß alle an der Wirtschaft Beteiligten größere Leistung im Dienste der Kostensenkung vollbringen müssen.