Nach der „Deblockierung“ Berlins ging ein Aufatmen durch die Spinnstoff Wirtschaft der „Insel“ und auch der russischen Zone. Denn Blockade und Gegenblockade hatten den durch die Zerreißung Deutschlands schon empfindlich gestörten wirtschaftlichen Blutkreislauf nahezu völlig unterbunden. Auch in der Spinnstoff Wirtschaft der Westzonen hat die Sperre tiefe Spuren hinterlassen. Die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie ist nun einmal in sehr langer Entwicklung gewachsen. Sie hat ihre überkommenen Standorte, sie ist hundertfach spezialisiert und in keiner Zone autark. Letztlich ist es eine hochpolitische Frage, wie das Zukunftsbild der deutschen Spinnstoff Wirtschaft einmal aussehen wird. Denn von der Weisheit der alliierten Staatsmänner hängt es ab, ob die einst blühende schlesische Leinenindustrie wieder mit ihren Geschwistern verbunden sein wird und ob die vielgegliederte Spinnstoffwirtschaft Thüringens, Sachsens und der Lausitz samt ihren Hilfsgewerben, unbehindert durch Zonengrenzen und Währungsschranken, im reibungslosen Geben und Nehmen der gesamtdeutschen Versorgung dienen: kann. Das gleiche gilt umgekehrt für die westlichen Textilzweige, vom holsteinischen Neumünster bis zum Allgäu oder zum badischen Wiesental.

Mit der Spinnstoffwirtschaft Berlins verbindet sich ohne weiteres die Vorstellung einer Bekleidungsindustrie von hohem Rang. Mancher „neue“ Name in Westdeutschland zierte früher ein Firmenschild am Hausvogteiplatz oder in der Kronenstraße. Um dieses alte Konfektions viertel pulste einst das Leben eines blühenden Zweiges der Spinnstoffverfeinerung. In Berlin dienten vor dem Krieg gut 100 000 Männer und Frauen allein der Bekleidungswirtschaft in ihren verschiedensten Zweigen. Die Damenoberbekleidungsindustrie der Hauptstadt umfaßte 90 v. H. der deutschen Kapazität. Dazu gesellte sich mehr oder minder zahlreich fast die gesamte übrige Bekleidungsfamilie: die Herrenoberbekleidung, die Wäsche-, Mieder- und Krawattenindustrie, die Hut-, Mützen- und Pelzindustrie, die Hosenträger- und Gamaschenindustrie und die Zutatenzweige der verschiedensten Art. Die Berliner Konfektion bestritt in den letzten Vorkriegsjahren rund 40 v. H. des Umsatzes der deutschen Bekleidungsindustrie. Die Unternehmen der Westsektoren, die nun wieder freien Zugang zu ihren Lieferanten in West- und Süddeutschland haben, zu den Oberstoff-, Futterstoff- und Einlagewebern, zu den Leinen- und Inlettfabriken, zu den Krawattenstoff- und Nähfadenbetrieben, zu den Band- und Flechtartikeln, können nach langem Vegetieren wieder mit Eifer an die Arbeit gehen. An der Industrie des Westens liegt es, die Versorgungslücken zu füllen, die durch die Abschnürung Berlins auf dem Gebiet der Textilwaren entstanden sind. Das wird einer ganzen Anzahl von Spinnstoffzweigen durch die gedämpftere Nachfrage im Westen erleichtert. H. A. N.