Auf Anordnung der britischen Filmkontrollstellen ist damit begonnen worden, die bis 1945 in Deutschland hergestellten Filme zurückzuziehen. Diese Filme dürften in der britischen Zone ja sowieso nur noch bis zum Ende dieses Jahres vorgeführt werden. Viele von ihnen waren beim Publikum sehr beliebt („Die große Freiheit“ mit Hans Albers wurde gerade erst in diesen Tagen mit Erfolg in München aufgeführt). Sie brachten volle Kassen. Besonders in den kleinen Städten und auf dem Lande hatten manche dieser alten Filme mehr Erfolg als die durch reeducation-Themen belasteten Werke der neuen deutschen Produktion oder die Proben aus der Invasion der oft mittelmäßigen ausländischen Filme.

Die britische Militärregierung, die seinerzeit nach und nach „politisch tragbare“ alte Filme ans der Nazizeit zugelassen hatte, zog also eine Gunst zurück, die sie selbst gewährt hatte. Sie begründet dies damit, daß die Bedingungen vielfach nicht eingehalten worden seien: Es seien trotz eines ausdrücklichen Verbots und trotz der Rohfilmknappheit neue Kopien alter Filme hergestellt und andere aus der sowjetischen Zone eingeschmuggelt worden. Die Film-Section wies außerdem darauf hin, das Publikum müsse vor den abgespielten, „verregneten“ alten Kopien geschützt werden (obwohl es doch auch ganz neue, erst nach 1945 uraufgeführte „alte“ Filme gibt!) und sie machte geltend, daß die entstehende Lücke von der deutschen Produktion durch neue Filme ausgefüllt werden könne.

Die deutsche Filmwirtschaft mag solche Vorschläge nicht ungern hören, aber ihr ist klar, daß sie in nächster Zeit gar nicht imstande sein wird, die Lücken zu füllen, und sie muß nun eine weitere Überflutung mit ausländischen Filmen fürchten. Kein Wunder, daß sie vorschlägt, man solle lieber die alten und uralten britischen, amerikanischen und französischen Kopien zurückziehen. Durch die Vernichtung der zum Teil noch kaum „abgespielten“. Filme würde bares Geld auf den Kehricht geworfen, das, gesammelt auf den Sperrkonten (als beschlagnahmtes oder blockiertes Reichsvermögen) vielleicht eines Tages der Filmwirtschaft wieder hätte zur Verfügung stehen können. Man sieht es nicht gern, wenn sich allein die ausländischen Sperrkonten durch die immer wachsende Einführung fremder Filme füllen.

Wolfgang Liebeneiner nun machte sich zum Wortführer einer Gruppe, die wenigstens erreichen möchte, daß in einem Filmmuseum je ein Exemplar von jedem Film erhalten bliebe, „damit Moskau nicht der einzige Platz ist, an dem die Filme der letzten elf Jahre noch aufbewahrt werden“. Immerhin hat es – was kein Verdienst der Nazis war – auch während der Nazizeit einige gute Filme gegeben: der Münchhausen-Film als Farbexperiment, „Amphitryon“ als Probe einer fast vollkommenen Harmonie zwischen Bild und Musik und andere mehr. Wie die kürzliche Wiederaufführung des René-Clair-Films „Sous les tois de Paris“ bewies, gibt es immer Filme, die durch ihre künstlerische Bedeutung über die Jahre hinaus erhalten bleiben müßten. EM